Österreich
Warnung vor einem wahrscheinlichen Rechtsruck
VON Miriam Bandar, 19.09.08, 09:00h, aktualisiert 19.09.08, 09:11h

Kanzlerkandidat der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), Heinz-Christian Strache schüttelt dem Kandidaten des Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ), Jörg Haider vor einem TV-Duell am 22. August 2008 im österreichischen Fernsehen die Hand. (Foto: dpa)
Wien/dpa. Er posierte in jungen Jahren in Militärkluft mit
Rechtsextremen, er will das NS-Verbotsgesetz abschaffen, er hetzt
gegen Ausländer - und er könnte bei den Nationalratswahlen am 28.
September in Österreich mit seiner Freiheitlichen Partei Österreichs
(FPÖ) drittstärkste Kraft im Land werden.
Kanzlerkandidat Heinz-Christian Strache erreicht mit seiner Partei nach aktuellen Umfragen
18 bis 20 Prozent. Zusammen mit den geschätzten 8 Prozent der Jörg-
Haider-Partei Bündnis Zukunft Österreich (BZÖ) rücken die Rechten
gefährlich nah an den Spitzenplatz der Sozialdemokraten (SPÖ) heran -
die etablierten Parteien schließen eine Zusammenarbeit aber aus.
Für Strache scheint Österreich währenddessen nicht genug: Anfang
des Jahres gab der 39-Jährige bei einem Treffen, unter anderem mit
dem Chef der französischen Front National, Jean-Marie Le Pen, und dem
Chef des belgischen Vlaams-Belang, Frank Vanhecke, den Startschuss
zur Gründung einer gemeinsamen rechtsradikalen Partei auf EU-Ebene.
Die jüdische Gemeinde in Österreich warnt bereits öffentlich vor
einem Rechtsruck im Alpenland, und auch politische Beobachter sind
zunehmend besorgt. «Die FPÖ ist die einzige Partei, bei der in dieser
Dichte Funktionäre dem rechtsextremen Lager angehören», sagt der
Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Wien, Ariel Muzicant.
Nicht die Wähler, von denen seiner Meinung nach viele aus Protest
statt aus Überzeugung für die Rechten stimmen werden, sondern die
Parteifunktionäre seien das Problem. Sie distanzierten sich zwar
formal vom Nationalsozialismus, aber wenn man an der Oberfläche
kratze, kämen die «Kellernazis» hervor.
Zum «Anti-Islamisierungskongress» in Köln an diesem Samstag, an
der auch FPÖ-Vertreter teilnehmen, schreibt Strache beispielsweise in
einem Grußwort: «Es hat keinen Sinn, und wir dürfen es nicht
zulassen, dass (...) in unseren Schulen die eigenen Kinder als
"Schweinefleischfresser" beschimpft werden, dass unsere Töchter den
gierigen Blicken und Händen ganzer Zuwandererhorden ausgesetzt sind.»
Im eigenen Land jedoch schlägt Strache momentan mildere Töne
an: Ließ die FPÖ bei den vergangenen Wahlen noch Parolen wie «Dahaam
(Daheim) statt Islam» plakatieren, konzentriert sie sich nun auf
soziale Themen wie Teuerung und Steuerausgleich. Strache wolle sich
staatsmännisch und regierungsfähig präsentieren und so auch andere
Wählergruppen ansprechen, analysieren politische Beobachter. «Die
eigentliche FPÖ-Botschaft ist sowieso schon längst überall
angekommen», sagt die Sprecherin der islamischen Glaubensgemeinschaft
in Österreich. Im Januar löste beispielsweise die Grazer FPÖ-
Politikerin Susanne Winter europaweite Empörung aus, als sie den
Propheten Mohammed öffentlich als «Kinderschänder» verunglimpfte.
«Die FPÖ ist durchaus mit der deutschen NPD vergleichbar», sagt
der Rechtsextremismus-Experte Heribert Schiedel. Anders als in der
Bundesrepublik gebe es aber im Alpenland keine gesetzliche Klausel,
nach der Parteien, welche die freiheitlich demokratische Grundordnung
gefährden, verboten werden können.
Die Jörg-Haider-Partei BZÖ, die sich 2005 von der FPÖ
abspaltete, sieht Schiedel im Vergleich als etwas harmloser an. «Sie
haben zum Rassismus ein eher taktisches Verhältnis und sind nicht
weltanschaulich überzeugt.» Dennoch sichert sich auch Haider die
rechte Wählergunst - er schiebt eigenmächtig angeblich kriminelle
Asylbewerber aus Kärnten ab und denkt öffentlich über elektronische
Fußfesseln für Asylbewerber nach.
Auch wenn alle anderen Parteien im Wahlkampf bisher eine
Zusammenarbeit mit den Rechten kategorisch ausschließen, fühlen sich
viele an die politischen Verhältnisse zur Jahrtausendwende erinnert.
Damals wurde die noch von Haider stark geprägte FPÖ bei den Wahlen
1999 zweitstärkste Kraft und bildete unter der Führung des ÖVP-
Kanzlers Wolfgang Schüssel mit den Konservativen eine
Regierungskoalition. Als Konsequenz wurde Österreich mit EU-
Sanktionen belegt und teilweise außenpolitisch isoliert. Strache
selbst will für den Tag nach der Wahl nichts ausschließen: «Ich werde
mit jedem verhandeln, der uns nicht ausgrenzt.»





















