Konzert
Junger Geigengott sucht die Seele
Krachend verstärkt von einer Band und grundiert von der deutlich unter dem Solisten-Niveau aufspielenden Neuen Frankfurter Philharmonie, absolvierte Garrett am Montag das dritte Konzert seiner "Encore"-Tour vor geschätzten 4 000 Fans in der Arena Leipzig. Auf sportlichen Sitzen und unter rekordverdächtig lauter Beschallung jubelte das junge Dreiländer-Publikum. Darin etwas mehr Frauen, vielleicht. Garrett, das einstige Wunderkind aus Aachen, spielt nicht nur Geige wie ein junger Gott, er sieht auch so aus.
Und er weiß es. Stets lächelnd, die blondierten Strähnen aus dem Gesicht streifend, mit Schlafzimmerblick oder gleich ganz geschlossenen Augen, projizierte ihn die Kamera auf die Riesenleinwand. Während er zwischen den Pulten umher streifte, bot er "die Air" von Bach als seichtes Rührstück feil, Brahms' fünften ungarischen Tanz als Schnellpolka und Rimski-Korsakows "Hummelflug" mit irrsinnig treibender Kraft. Dazu "Fluch der Karibik" und "Alladin", Titel von AC / DC, Queen und Metallica, selbstkomponierte neoromantische Schnulzen. Skalen, Tremoli, Doppelgriffe - alles cool und in reinster Intonation.
Das Publikum kreischte sich ein und, als der Star fiedelnd durchs Parkett tänzelte, auf. Aber die große Euphorie blieb aus, was auch am Programm lag, das spätestens ab der Mitte des ersten Teils nicht mehr steigerungsfähig ist. Wer auf Bachs E-Dur-Konzert Domenico Modugnos "Nel blu dipinto di blu" bringt, darf sich nicht wundern, wenn die Estrade niemanden wirklich berührt.
Die Banalität der fast dreistündigen Show wurde von der unbeholfenen, teils fehlerhaften Conférence unterstrichen, auch sah Silvia Colloca, der Zielgruppe aus dem Horrorstreifen "Van Helsing" bekannt, viel schöner aus, als sie sang, und der kleine Florian aus Leipzig wirkte sehr verloren beim Kurzauftritt an der Gitarre.
Aber David Garrett kommt wieder: Am 27. Mai spielt er Kammermusik im Gewandhaus, am 22. August in Freyburg. Dann kann er seinen neuen Fans zeigen, was er drauf hat, wenn kein Mikro überm Steg klemmt. Fürs Erste rettete er mit einem halbwegs original besetzten "Winter" aus Vivaldis "Jahreszeiten" seine Ehre - als Ausnahmegeiger und Künstler, der um die Seele in der Musik weiß.



















