Religionsstreit
Juden werten Solidarität des Papstes als «ersten Schritt»
erstellt 29.01.09, 11:52h, aktualisiert 29.01.09, 17:46h

Papst Benedikt XVI. hat die Exkommunizierung von vier Traditionalisten vor mehr als 20 Jahren rückgängig gemacht. (FOTO: DPA)
Rom/Berlin/Jerusalem/dpa. Nach dem klaren Bekenntnis des
Papstes zur «vollen Solidarität» mit den Juden wird von Benedikt XVI.
verlangt, gegen den Holocaust-Leugner Richard Williamson vorzugehen.
«Worten sollten auch Taten folgen», forderte am Donnerstag die
Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte
Knobloch. «Einen Holocaust-Leugner zu rehabilitieren, sich diesen
klaren Aussagen nicht zu widersetzen, müsste zumindest Konsequenzen
dem Holocaust-Leugner gegenüber nach sich ziehen», sagte Knobloch.
Benedikt hatte sich am Mittwoch geäußert, nachdem die Rehabilitierung
des traditionalistischen Bischofs Williamson Empörung und
Unverständnis ausgelöst hatte.
Der Generalsekretär des Zentralrates, Stephan Kramer, hat
Benedikts Stellungnahme «freudig aufgenommen», erwartet aber auch
Konsequenzen für die Bereitschaft des Vatikans zu einem Dialog mit
den Juden.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch,
zeigte Verständnis für die scharfe Kritik jüdischer Organisationen an
der päpstlichen Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Williamson.
«Ich kann verstehen, dass unsere jüdischen Brüder betroffen sind»,
sagte der Freiburger Erzbischof am Donnerstag in Mannheim. Die
zeitliche Verknüpfung der Veröffentlichung aus dem Vatikan und der
Nachricht über den Holocaust-Leugner sei «bedauerlich, nein
tragisch». Der britische Traditionalistenbischof müsse seine «absolut
inakzeptablen» Äußerungen zurücknehmen, sagte Zollitsch.
Von Rabbinern wird die Absage des Papstes an jede Leugnung des
Holocaust nur als eine «erste Geste» zur Beilegung des Streits um den
Bischof gesehen. Das sei zwar ein großer Schritt nach vorn, sagte der
Generaldirektor des israelischen Ober-Rabbinats, Oded Weiner, der
Turiner Tageszeitung «La Stampa» vom Donnerstag. Mit dem Vatikan und
mit der israelischen Regierung müsse allerdings noch erörtert werden,
«was getan werden muss, um einen Schlussstrich zu ziehen». Das Ober-Rabbinat hatte vom Vatikan eine Rücknahme der Rehabilitierung
Williamsons und eine Entschuldigung verlangt. «So lange wir keine
Antwort erhalten, bleibt ein Fragezeichen hinter der Zukunft unserer
Beziehungen», sagte Weiner der «Jerusalem Post». Der Vatikan habe ihm
eine Antwort in den kommenden Tagen zugesichert.
Zurückhaltend äußerte sich auch David Rosen, führender Rabbiner
beim interreligiösen Dialog mit dem Vatikan. «Der Fall ist noch nicht
abgeschlossen. Ohne eine Entschuldigung von Williamson oder eine
Erklärung des Vatikans, dass dieser nicht mehr als Bischof in der
Kirche akzeptiert ist, solange er derartige Meinungen äußert, bleibt
die Sache zwiespältig», sagte Rosen. Kardinalstaatssekretär Tarcisio
Bertone hatte Rosen zuvor vorgehalten, es sei nicht gut, «ständig
über Handlungsweisen des Heiligen Vaters zu richten». Der Vatikan
betrachtet die Entscheidung über die Zurücknahme der Exkommunikation
von insgesamt vier Bischöfen als eine kircheninterne Angelegenheit.
Israels Botschafter beim Heiligen Stuhl, Mordechai Lewy, begrüßte
Benedikts Erklärung dagegen ausdrücklich. Sie kläre vieles und helfe,
Missverständnisse zu überwinden. Benedikt sei in Israel willkommen,
so wie er es zuvor gewesen sei, erklärte Lewy auf die Frage, ob die
Affäre die im Mai geplante Reise Benedikts ins Heilige Land gefährde.
Der Präsident der Lagergemeinschaft des früheren Dachauer
Konzentrationslagers, Max Mannheimer, kritisierte die Rehabilitierung
dagegen scharf. «Gerade von einem deutschen Papst, der das NS-Regime
noch selbst erlebt hat, hätte ich mehr Fingerspitzengefühl und keine
faktische Aufwertung eines widerlichen Antisemiten erwartet», sagte
Mannheimer. Er sprach von Respektlosigkeit gegenüber den Juden.
Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller verteidigte
unterdessen die Entscheidung des Papstes, den Holocaust-Leugner
Williamson wieder in die Kirche aufzunehmen. «Den Flurschaden hat
Herr Williamson angerichtet, nicht der Papst», sagte Müller in einem
Interview mit der «Passauer Neuen Presse» (Donnerstag). «Wollen wir
wirklich diesem Herrn Williamson, der unter normalen Umständen nie
Bischof geworden wäre, den Triumph gönnen, den Heiligen Vater
ungerechten Vorwürfen und Unterstellungen ausgesetzt zu haben und das
gut entwickelte christlich-jüdische Verhältnis zu stören?» Der
Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann bezeichnete das Leugnen des
Holocaust durch Williamson als «ungeheuerlich und empörend».
Der in Argentinien lebende Williamson hat bisher jeden Kontakt mit
Medien verweigert. Anfragen werden an der Tür des Priesterseminars in
La Reja etwa 50 Kilometer von Buenos Aires entfernt abgewiesen. Nach
Berichten leitet Williamson dieses Priesterseminar bereits seit 2003.
Der Vatikan hatte am Samstag die Exkommunikation von Williamson,
der Bischof der erzkonservativen Bruderschaft Pius X. ist, rückgängig
gemacht. Dies hat zu erheblichen Spannungen mit jüdischen
Organisationen geführt, weil er in einem TV-Interview die Ermordung
der sechs Millionen Juden in den Gaskammern der Nazi-Konzentrationslager bestritten hatte. Gegen den 67-Jährigen wird
wegen Volksverhetzung von der Regensburger Staatsanwaltschaft
ermittelt, da das Interview vor drei Monaten im Priesterseminar der
Piusbruderschaft nahe Regensburg aufgezeichnet worden sein soll.





















