Online-Petition
Bundestag hat ein Datenleck
VON MARKUS DECKER UND STEFFEN KÖNAU, 08.05.09, 13:30h, aktualisiert 08.05.09, 22:27h
BERLIN/HALLE/MZ. Das Quorum von 50000 Stimmen war schon nach einer Woche erreicht, die Behandlung im Bundestag aber liegt in weiter Ferne. Die Vorsitzende des Petitionsausschusses des Bundestages, Kersten Naumann (Linke), bremst die Euphorie der Petenten, die sich gegen eine Sperrung von Seiten mit Kinderpornografie durch das BKA aussprechen. Es werde eine Anhörung
geben. "Aber ich glaube nicht, dass das noch
in dieser Legislaturperiode geschieht." Naumann
verwies auf die Position der Linken, nach
der es keine Zensur im Internet geben soll.
Auch gehe sie davon aus, dass Kinderpornographie
im Netz durch Sperren "nicht verhindert wird".
Dieter Wiefelspütz, innenpolitischer Sprecher
der SPD-Fraktion, glaubt, dass "das Verfahren
zur Gesetzgebung durch die 50000 Unterschriften
"nicht beeinträchtigt" werde. Zwar sei die
Internet-Gemeinde "sehr engagiert", hier herrsche
das Motto: Das Internet gehört mir. Für ihn
sei die Grenze erreicht, wenn im Internet
Straftaten begangen werden.
Derselben Ansicht ist auch "Axeman", einer
der Unterzeichner. Allerdings glaubt er nicht,
dass Kinderpornoseiten aus dem Netz verschwinden,
wenn per Sperrliste ein Vorhang vor sie gehängt
wird. Seit er auf einen Link im Internetangebot
des Bundestages gestoßen ist, über den sich
jedermann eine Datei mit den Namen aller Unterzeichner
der Bundestagspetition herunterladen kann,
fürchtet "Axeman" nun Ärger zu bekommen. "Ich
kann nur hoffen, dass diese Liste nicht benutzt
wird, Unterzeichern das Leben schwer zu machen."
Auch andere Unterzeichner sind empört. "Wenn
ich Kindergärtnerin wäre und mein Name stände
auf der Liste der Leute, die gegen eine Sperrung
von Kinderpornoseiten sind", überlegt Nutzerin
Sandralara, "dann hätte ich Angst."
Zumal keiner der Unterzeichner darüber aufgeklärt
wurde, was der Bundestag mit seinen Daten
vorhat. In der Datenschutzerklärung steht
nur, Daten würden an Dritte "nur im Rahmen
der Petitionsbearbeitung weitergegeben". Nur
ein halber Satz deutet darauf hin, dass jeder
Petent damit rechnen muss, von anderen auf
seine Unterschrift angesprochen zu werden:
Die Daten würden "abgefragt, um die Charakteristik
einer Unterschriftenliste digital abzubilden".
Digital abgebildet in einer endlos langen
Namensdatei finden sich nun auch Robert Schneider
aus Sachsen-Anhalt und Mathias Fiedler aus
Sachsen. Von überall auf der Welt lassen sich
die Namen der beiden Zensurgegner herunterladen
- vier Klicks weiter hat jeder erfahrene Internetnutzer
aus den Angaben schon ein persönliches Profil
samt Telefonnummer und Wohnadresse erstellt.
Beim Petitionsausschuss herrscht Staunen darüber,
dass sich Unterzeichner durch die Veröffentlichung
an den Pranger gestellt fühlen. Aus "Gründen
der Transparenz" sei es üblich, alle Namen
öffentlich zu machen. "Es passiert nicht im
Dunklen", sagt ein Referent des Ausschusses.
Das sei auch so mit dem Datenschutzbeauftragten
abgesprochen. Jeder Unterzeichner solle "sehen
können, ob er auf der Liste steht". Wer Angst
davor habe, müsse ja nicht im Netz unterschreiben.
"Der kann eine Postkarte schicken."
Dazu müsste er allerdings vorher wissen, dass
jede online geleistete Unterschrift im Internet
auftaucht. "So wie der Bundestag das macht",
kritisiert ein Datenschützer aus Sachsen-Anhalt,
"entspricht das nicht den gesetzlichen Vorgaben".
Wenn der Petitionsausschuss Unterzeichnernamen
veröffentlichen wolle, benötige er die "informierte
Einwilligung" jedes einzelnen, wie sie etwa
der Landtag Sachsen-Anhalt immer einfordere.
"Die Menschen müssen doch wissen, was mit
ihren Daten geschieht."
























