Geschichte
«Neue Bundesländer» - verpöntes Wort in aller Munde
VON Burkhard Fraune, 03.08.09, 08:09h, aktualisiert 03.08.09, 11:30h

Der Schriftzug «Neue Bundesländer» steht auf einem Tisch zwischen weiteren Scrabble-Buchstaben. Selbst zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist der Ausspruch noch gebräuchlich. (FOTO: DPA)
Berlin/dpa. «Neue Bundesländer» - 20 Jahre nach dem Mauerfall
sollte man meinen, die Bezeichnung sei überflüssig. Stattdessen
herrscht Überfluss: Der angestaubte Begriff ist nicht tot zu kriegen,
obwohl ihn kaum einer mehr mag, wie eine Umfrage der Deutschen
Presse- Agentur dpa zeigt. «Neue Bundesländer» huscht noch immer über
die Lippen von Politikern, Lobbyisten, Journalisten, selbst
Geistlichen - ob Ossi oder Wessi. Eine Auswahl:
«Der wiedergewählte Bundespräsident nimmt erkennbaren Anteil am
Aufbau der neuen Bundesländer.» (Wolfgang Böhmer, 24.5.09)
«Der Deutsche Hausärzteverband begrüßt, dass das anhaltende
Honorardefizit für die Neuen Bundesländer endlich ausgeglichen werden
konnte.» (11.3.09)
«Es ist denkbar, dass der Papst dann auch eines der neuen
Bundesländer besuchen wird.» (Erzbischof Robert Zollitsch, 16.3.09)
«Die CDU ist interessiert daran, dass die neuen Bundesländer den
noch bestehenden Rückstand aufholen und dass die alten Bundesländer
von den Stärken der neuen Länder erfahren.» (Angela Merkel,
30.6.08)
«Neue Bundesländer», wohin man hört, wenn es um Sachsen, Sachsen-
Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und bei manchen auch um
den früheren Ostteil Berlins geht. Es gibt einen Förderverein der
Gehörlosen der neuen Bundesländer, eine Hochschulinitiative Neue
Bundesländer und Pferdeliebhaber kennen den Zuchtbezirk Neue
Bundesländer/Berlin des Trakehner-Verbands Deutschland.
Tiefensee: Spreche lieber von Ostdeutschland
Es gibt sogar einen Beauftragten der Bundesregierung für - was
wohl? - die neuen Bundesländer. Er heißt Wolfgang Tiefensee, ist auch
Bundesverkehrsminister, und hält eigentlich nicht viel von diesem
Wort für das Gebiet der zusammengebrochenen DDR. «Ich spreche lieber
von Ostdeutschland», sagt der SPD-Politiker. «Irgendwann hat sich das
Jahr 1989 auch in sofern überholt, als da nicht neue Länder
hinzugekommen sind, sondern Deutschland ist vereinigt mit Teilen, die
alle eine hundert-, eine tausendjährige Geschichte haben.» Ähnliche
Stimmen gibt es viele: «Wir sind nicht mehr so neu. Wenn Sie zwanzig
sind, sind Sie keine zwei mehr», meint etwa Wolfgang Böhmer (CDU),
Sachsen-Anhalts Landesvater, dem das Wort auch manchmal rausrutscht.
Sein Schweriner Amtskollege Erwin Sellering (SPD) hält den Begriff
ebenfalls für überholt, bekennt aber: «In der Wahrnehmung haben wir
aber zwei Bereiche, die neuen und die alten Bundesländer - egal wie
man sie nennt. Da gibt es immer noch massive Unterschiede.»
Es gibt aber Menschen, die auf eine Ost-West-Unterscheidung
angewiesen sind, Statistiker zum Beispiel. «Auf unseren statistischen
Karten kann man oft ganz genau erkennen, wo einmal die Mauer
gestanden hat», sagt Klaus Pötzsch, Sprecher des Statistischen
Bundesamts in Wiesbaden. So erreiche bei Löhnen und Arbeitslosigkeit
der Westen mit Abstand bessere Werte, bei der Kinderbetreuung habe
klar der Osten die Nase vorn. Das sei nur durch die lange Teilung zu
erklären. Allerdings: Das überholte Wort «neue Bundesländer» sei
nicht nötig, um das festzustellen, sagt Pötzsch. «Wir haben das in
den 90er Jahre noch sehr strikt benutzt, aber wir sind laxer
geworden, schreiben viel mehr von Ost- und Westdeutschland.»
«Wir werden uns von dem Begriff trennen.»
Was also tun mit dem überholten Wort «neue Bundesländer»?
Verbieten, selbst wenn man das könnte, wollte Tiefensee das nicht.
«Wir brauchen niemandem vorzuschreiben, was er sagt.» Eine nicht ganz
ernstzunehmende Lösung hat der Satiriker Martin Sonneborn parat, der
mit seiner PARTEI bei der Bundestagswahl antritt; dahinter steht das
Satire-Magazin «Titanic», dessen Redakteure die Mauer wieder aufbauen
wollen. Er meint: «Wir brauchen den Begriff nicht. Wir werden uns von
dem Begriff wie von den neuen Bundesländern selbst trennen.»
Doch so leicht ist das Wort nicht unterzukriegen. Sein Erfolg habe
damit zu tun, dass es einigermaßen politisch korrekt sei, meint der
Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser, der durch
die Wahl des «Unworts des Jahres» bekanntgeworden ist. Deshalb sei
der Begriff in Parteien, Verbänden und Medien so beliebt, während auf
der Straße einfach «Osten» oder «drüben» zu hören sei. Hauptgrund für
die Zähigkeit des Wortes sei aber unsere Bequemlichkeit. Schlosser
ist deshalb sicher, dass wir noch lange «neue Bundesländer» sagen
werden. «Das ist wie mit dem Sonnenaufgang. Den nennen wir immer noch
so, obwohl seit langem klar ist, dass sich die Sonne nicht um die
Erde dreht.»























