FC Schalke 04
Aufregung um Mohammed im Vereinslied
VON Martin Teigeler, 04.08.09, 13:34h, aktualisiert 04.08.09, 16:53h

Schalker Fans jubel in der Fankurve in einem blau-weissen Fahnenmeer. Wegen einer angeblich islamfeindliche Passage im Vereinslied des FC Schalke 04 ermittelt nun der Staatsschutz. (FOTO: DPA)
Gelsenkirchen/ddp. Was für Islamforscher und Fußballexperten eine Posse um ein Vereinslied ist, beschäftigt nun die Behörden. Wegen der Proteste gegen eine angeblich islamfeindliche Passage im Vereinslied des FC Schalke 04 ermittelt seit Dienstag der
Staatsschutz. Es gebe bisher aber «keine konkreten Drohungen» gegen Angehörige des Fußballvereins, sagte ein Polizeisprecher in Gelsenkirchen am Dienstag auf Anfrage. Man habe jedoch ein «waches Auge» auf den Fall. Der Staatsschutz prüfe derzeit Protestbriefe an den Fußballclub.
Etliche Zeitungen in Deutschland und der Türkei berichten seit
einigen Tagen über eine Aufregung, deren Urheber mittlerweile
allerdings niemand mehr so richtig benennen kann. Im Mittelpunkt des medialen Interesses steht eine Strophe des Schalker Vereinsliedes: «Mohammed war ein Prophet, der vom Fußballspielen nichts versteht. Doch aus all der schönen Farbenpracht hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht.»
Der Text stammt aus dem Jahr 1963, die Fans hatten die Strophe
seit den späten 50er Jahren gesungen. Dabei war ein altes Volkslied
umgedichtet worden.
Bereits vor Wochen wurden auf muslimischen Internetseiten nun
empörte Artikel über das Vereinslied gesichtet. In den vergangenen Tagen erreichte die Erregung über die Verballhornung des Propheten dann den Traditionsverein im Ruhrgebiet. Der FC Schalke will nach zahlreichen Protestmails und Drohanrufen die Liedzeilen nun mit einem Islamwissenschaftler überprüfen - voraussichtlich bis Ende der Woche. «Bis dahin wird es von uns keine weiteren Kommentare geben», sagte ein Sprecher der Königsblauen am Dienstag.
Schalke solle mit muslimischen Vereinsmitgliedern und Fans über
die Hymne sprechen, riet der Islamwissenschaftler Jochen Hippler auf ddp-Anfrage. Er sei sich sicher, dass «99 Prozent der Muslime» den S04-Song «einfach nur schräg finden», sagte der Forscher am Institut für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg-Essen. Und dann könne der Verein seine Hymne auch unverändert lassen.
Doch egal, wer die aktuelle Debatte um das «läppische Lied»
losgetreten habe, gleichwohl handele es sich um eine sensible
Angelegenheit, betont Hippler. Der Hymnenstreit könne
«instrumentalisiert» werden, da es «reale Probleme» bei der
Integration, im Zusammenleben von Inländern und Zuwanderern sowie beim Verhalten des Westens gegenüber der islamischen Welt gebe. Auch der Karikaturenstreit sei 2006 von einem «Käseblatt» in Dänemark ausgegangen - mit teils gewalttätigen Reaktionen in Ländern des Nahen
Ostens.
Aufgrund der Sensibilität des Themas bemüht sich neben dem FC
Schalke 04 nun auch die Politik darum, den Ball sprichwörtlich flach
zu halten. Weder von der NRW-Landesregierung noch vom Gelsenkirchener
Oberbürgermeister Frank Baranowski (SPD) gab es am Dienstag eine
offizielle Stellungnahme. Man wolle «diese sinnlose Sache nicht
weiter anfachen», hieß es. Der Zentralrat der Muslime hat sich als
Vermittler angeboten, um die Angelegenheit zu beenden.
Die Diskussion um das Schalker Vereinslied ist nicht der erste
Fall, bei dem Muslime Anstoß an deutschen Fußballclubs nehmen. Im
Frühjahr 2008 stampfte Eintracht Frankfurt den Entwurf für ein neues
Trikot mit einem Kreuz auf der Brust wieder ein. Das christliche
Symbol war als Kampfzeichen der Kreuzzüge bei Muslimen in die Kritik
geraten. Die Eintracht entschied sich für ein anderes Trikot.
Im Fall Schalke sei der Vorwurf der Islamfeindlichkeit besonders
absurd, sagte der Fußballjournalist Holger Pauler. «Wenn es einen
Migrantenclub in Deutschland gibt, der immer schon Einwanderer
integriert hat, dann ist es Schalke», betonte der Autor des
Fußballmagazins «11 Freunde». Der Traditionsclub aus Gelsenkirchen
habe seit seiner Vereinsgründung sogenannte Fremde als Spieler und
Fans aufgenommen. «Ohne polnische Einwanderer wäre Schalke in den
30er Jahren wohl nie deutscher Meister geworden», betont Pauler.
Auch die meist muslimischen türkischen Migranten in das Ruhrgebiet
der 60er und 70er Jahren hätten «auf Schalke» früh eine Heimat
gefunden. «In Gelsenkirchen gab es sogar türkischstämmige Hooligans -
so weit ging die Integration», so Pauler. Die aktuelle Debatte um die
Schalke-Hymne bezeichnete er als «Posse», die im Sommerloch
untergehen werde.























