mz-web.de
Topthemen
Projekt

Solo-Auftritt im Chor der Verlierer

VON JULIANE INOZEMTSEV, 14.12.09, 19:31h, aktualisiert 14.12.09, 19:33h
Straßenchor
Cookie (Mitte) bei einer Pause. Die 14-jährige Ausreißerin singt mit Obdachlosen und Drogenabhängigen im Berliner Straßenchor. (FOTO: DAVID OLIVEIRA)
Bild als E-Card versenden Bild als E-Card versenden
BERLIN/MZ. Wenn Cookie singt, scheint der Raum um sie herum heller zu werden. Cookie ist vierzehn, hat ihre Haare bunt gefärbt und auf einer Seite kurz rasiert, ihre Punk-Klamotten haben Löcher. Cookie legt viel Gefühl in ihre Stimme, die anderen Chormitglieder stellen ihr Getuschel ein und hören andächtig zu. Es ist ein trüber Vormittag in Berlin-Schöneberg, hinter den großen Fenstern des Gemeindesaales der Zwölf-Apostel-Kirche schimmert es feucht und grau. Hier probt der "Straßenchor Berlin" für sein Weihnachtskonzert.

"Stand By Me" ("Bleib bei mir") singt Cookie gerade solo. Ihre Stimme ist noch ein bisschen kratzig, bis vor kurzem hat das Mädchen am Alexanderplatz gesungen, um ein paar Euro zu verdienen. Cookie ist vor etwas mehr als zwei Jahren als Ausreißerin nach Berlin gekommen, nachdem es zu Hause wieder einmal heftigen Streit gegeben hatte. Zurzeit ist sie bei ihrer Freundin Wiebke untergekommen, die auch in diesem Chor singt.

Der Straßenchor Berlin ist ein Projekt wie aus einem Weihnachtsmärchen: Ein erfolgreicher Konzertpianist gründet einen Chor mit Menschen, die bisher zu den Verlierern der Gesellschaft gehörten. Unter ihnen sind etwa Obdachlose, Alkoholiker, Drogenabhängige und Prostituierte. Der Chorleiter hat sich vorgenommen, mit ihnen in nur drei Monaten ein großes Konzert auf die Beine stellen. Er hofft, dass sie dadurch wieder anfangen, an sich selbst zu glauben.

Auch Regina singt im Straßenchor. Sie war heroinabhängig, jetzt ist sie in einem Methadonprogramm. Die 44-Jährige hat es in diesem Herbst endlich geschafft, sich von ihrem Lebensgefährten zu trennen. "Durch ihn war ich immer in Versuchung, die Beziehungsprobleme mit Drogen zu betäuben", sagt sie. Der Chor unterstütze sie auf dem Weg in ihr neues Leben. Sicher fühlt sie sich noch nicht, einen Rückfall kann sie nicht ausschließen. Der Weg zum Happy-End ist weit, das wissen alle der 30 Sänger.

Chorleiter Stefan Schmidt sieht dem Weihnachtskonzert, das am Dienstag vor 1 500 Zuhörer in der Berliner Universität der Künste stattfindet, mit Zuversicht entgegen. "Angst vor einer Blamage, wie noch zu Beginn des Projektes, habe ich nicht mehr. Dafür haben wir in den letzten Monaten einfach zu hart gearbeitet." Zwei Mal in der Woche haben sie geprobt, je zwei Stunden, danach hat es ein gemeinsames warmes Essen gegeben. Er weiß, dass es Laienchöre gibt, die besser singen, er weiß aber auch, dass sein Straßenchor die Zuhörer auf besondere Weise berührt.

Schmidt hat die Idee zum Chor-Projekt nicht selbst gehabt, es waren Mitarbeiter der Ufa Entertainment-Filmgesellschaft. Sie wollten die Geschichte eines solchen Projekts dokumentieren. Als sie Schmidt fragten, ob er den Chor gründen und leiten will, stimmte er spontan zu. "Ich hatte selbst viel Glück und wollte schon lange etwas davon zurückgeben." Der Kontrast zwischen der Welt, in der sich der 45 Jahre alte Künstler sonst bewegt, und der Welt seiner Sänger ist groß. Schmidt tritt in der Staatsoper Unter den Linden auf, er fliegt nach Madrid oder Rio de Janeiro, um Konzerte zu geben.

Im September hat Schmidt begonnen, auf der Straße Sänger zu suchen. Er hat Punks angesprochen, war bei der Drogenberatung. "Ich habe viele skeptische Blicke bekommen und einige Male eine Abfuhr kassiert. Aber es gab auch spontane Zusagen, zum Beispiel von Mario." Der 47-jährige Frührentner lief Schmidt vor der Suppenküche am Bahnhof Zoo über den Weg. Mario stottert, wenn er redet. "Aber wenn ich singe, passiert mir das nicht", sagt er und beginnt, vorsichtig zu singen: "Über sieben Brücken musst Du gehen."

Die ersten Proben waren chaotisch. Ständig sei jemand aus dem Saal gerannt, erinnert sich Schmidt. Viele hatten Mühe, sich länger als zehn Minuten zu konzentrieren, manche waren angetrunken, andere wollten alles hinschmeißen, weil sie die englischen Liedtexte nicht gleich verstanden. Oder weil sie mit den Emotionen nicht umgehen konnten, die die Musik in ihnen hervorrief.

Jetzt gerade proben sie "Wunder geschehn" von Nena. Einige Zeilen schmettert der Chor heraus. Diese zum Beispiel: "Ich will lieben, auch wenn man dabei Fehler macht." Der Straßenchor hat für alle seine Mitglieder eine große Bedeutung. Sie hoffen, dass er auch nach dem Weihnachtskonzert bestehen bleibt, dass er wächst und noch mehr Menschen Hoffnung gibt. Schmidt hat schon zugesagt, dass er einmal wöchentlich ehrenamtlich eine Probe leiten würde.

Der digitale TV-Sender ZDFneo zeigt eine Dokumentation über den Chor bis zum 23. Dezember mittwochs um 19.30 Uhr.


    
    






Anzeige
Anzeige