Ruderunglück
Die unterschätzte Gefahr
VON KATRIN LÖWE, 11.03.10, 08:05h, aktualisiert 11.03.10, 20:55h

Der Präsident des Leipziger Ruderclubs auf der Anklagebank des Leipziger Amtsgerichts (FOTO: DPA)
LEIPZIG/DESSAU-ROSSLAU/MZ. Es war
als Nummer 34 angesetzt, das letzte Rennen
der Regatta. Ein Doppelvierer mit Steuermann,
ausgeschrieben explizit für Anfänger. "Die
Kinder waren aufgeregt, es war ja ihr erstes
Rennen", sagt Ines M. Die 48-jährige Trainerin
der Dessauer Rudervereinigung bricht immer
wieder in Tränen aus, wenn sie sich an den
13. April 2008 erinnert. Rennen Nummer 34
endete damals in einer Katastrophe: Auf dem
Weg von einem Seitenarm zum Regattastart im
Leipziger Elsterflutbett trieb das mit fünf
Kindern besetzte Dessauer Boot mit der Strömung
ab, geriet in ein nahes Wehr und zerbrach.

Eine DRK-Mitarbeiterin steht am 13. April 2008) in Leipzig an einem Wehr des Elsterkanals, wo bei einem Bootsunfall fünf Kinder das Wehr heruntergestürzt und gekentert waren. Ein Zwölfjähriger hat das Unglück nicht überlebt. (ARCHIVFOTO: DPA)
Für den zwölfjährigen Maximilian L. kam jede
Hilfe zu spät, seine Leiche wurde erst zwei
Wochen später gefunden. Zwei Mädchen und zwei
Jungen konnten sich retten beziehungsweise
gerettet werden. Der elfjährige Martin W.
aber wird nach einer Reanimierung "voraussichtlich
langfristige Schäden" zurückbehalten, sagt
Staatsanwalt Ulrich Jakob. Er wirft dem Präsidenten
des Leipziger Rudervereins Triton 1893, Jens
G., und zwei Trainerinnen aus Dessau-Roßlau
fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung
vor. Seit Donnerstag müssen sie sich vor dem
Amtsgericht Leipzig verantworten.
Die Betreuerinnen Yvonne S. und Ines M.
hätten erkennen müssen, dass die unerfahrenen
Kinder "den Bedingungen am Renntag nicht gewachsen
waren", so Jakob. Auf der Elster herrschte
Hochwasser, die Fließgeschwindigkeit am Wehr
lag bei 80 bis 90 Kubikmetern Wasser pro Sekunde
- normal sind 15. "Die Kinder waren mit der
Strömung überfordert." Dem Regatta-Veranstalter
wirft Jakob unzureichende Sicherheitsvorkehrungen
vor. Ein Motorboot etwa habe mit ausgeschaltetem
Motor am Ufer gelegen - nötig gewesen sei
es einsatzbereit direkt am Wehr. Vereinspräsident
Jens G. schweigt dazu zunächst.
Yvonne S. indes beteuert, die Strömung nicht
als gefährlich eingeschätzt zu haben. Sie
sei vergleichbar gewesen mit den Bedingungen,
die die Kinder von der Dessauer Mulde gewohnt
seien. "Es sah alles friedlich aus", so S.
Zwar habe es in der Vorbesprechung mit den
Mannschaftsleitern Bedenken für die Einer-Ruderer
der Jüngsten gegeben - deren Strecke wurde
verkürzt. Für die Vierer seien diese aber
nicht geäußert worden. "Und bezüglich des
Wehres hat keiner ein Wort verloren", so die
33-Jährige. Sie selbst kannte es nicht. Noch
tags zuvor hatte die Trainerin Martin W. beim
Anrudern in Dessau-Roßlau einen Einsatz als
Steuermann verwehrt, "das war mir zu riskant."
Seine Mutter soll wegen seiner Unerfahrenheit
zunächst auch Bedenken für Leipzig geäußert
haben - letztlich blieb Martin dort aber wie
geplant Steuermann.
Ines M. ließ das Boot mit den Kindern an jenem
Nachmittag in Leipzig zu Wasser. Sie habe
gesehen, dass es zum Wehr abtrieb, den Kindern
Anweisungen hinterhergerufen, die diese aber
nicht mehr wahrgenommen hätten, sagt die 48-Jährige.
"Dann waren sie in Sekundenschnelle verschwunden."
Martin W. war 30 bis 45 Minuten im Wasser.
Mit nur 26 Grad Körpertemperatur kam er in
die Klinik. Zwei Stunden insgesamt musste
er wiederbelebt werden - "das ist extrem lange,
bis dahin war er in scheinbar leblosem Zustand",
sagt der Chef der Kinderintensivstation vor
Gericht. Irrtümlich war der Elfjährige von
der Polizei damals bereits für tot erklärt
worden. Tagelang, heißt es nun, hätten die
Mediziner darum gekämpft, den Kreislauf von
Martin zu stabilisieren. Heute geht der Junge
in eine Förderschule. Seine Entwicklung habe
ihn überrascht, so der Chefarzt.
Bis zum 1. April will das Gericht ein Urteil
darüber fällen, wer die Verantwortung für
den Unfall trägt. Eine technische Ursache
schließt ein Sachverständiger bereits am ersten
Prozesstag aus - auch wenn das mehr als 30
Jahre alte Boot Vorschäden gehabt habe und
die Steuerung nicht fachgerecht befestigt
gewesen sei.
In Dessau-Roßlau arbeiten die beiden Trainerinnen
unterdessen wieder mit dem Nachwuchs - die
Kinder hätten darum gebeten, wie beide sagen.
Auch eines der verunglückten Mädchen ist noch
dabei. "Erst wollte ich alles hinwerfen",
so Betreuerin Yvonne S. am Donnerstag. Nachwuchs
zu trainieren habe sich für sie im Nachhinein
als die beste Therapie herausgestellt, sagt
Ines M. Sie ist wegen des Unfalls noch heute
in psychologischer Behandlung.




































