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Italien

Rom und sein Kolosseum

VON Hanns-Jochen Kaffsack, 27.07.10, 09:43h
Kolosseum
Fast sechs Millionen Besucher pro Jahr: Das Kolosseum zählt zu den bekanntesten Attraktionen der «Ewigen Stadt» Rom. (FOTO: ENIT/Sandro Bedessi/dpa/tmn)
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Rom/dpa. Ein Kolosseum-Rundgang gehört in Rom oft ebenso zum Besuchsprogramm wie ein Blick in den Petersdom. Die Ruine des Amphitheaters zählt zu den größten antiken Denkmälern der Stadt. Doch die alten Mauern machen Probleme. Ausgerechnet mehr Touristen könnten die Lösung sein.

Es war das größte Amphitheater der römischen Welt, jahrhundertelang die Stätte grausamer Gladiatorenkämpfe und anderer Volksvergnügen ganz nach dem Geschmack der Antike. Mit 100-tägigen blutigen Spielen der verschiedensten Art weihte Kaiser Titus im Jahr 80 nach Christus das massige Monumentalwerk für weit mehr als 50 000 Zuschauer ein - nach achtjähriger Bauzeit. Zwei Jahrtausende später ist das Kolosseum mehr denn je Besuchermagnet und Wahrzeichen Roms. Im Jahr zieht es fast sechs Millionen Besucher an, die jenen Schauder von Tierhatzen und Gladiatorenblut suchen. Doch das Kolosseum hat «Krebs»: Mehr noch als der Zahn der Zeit nagt die Luftverschmutzung an den Steinen. Also bereitet die Tiber-Metropole eine Rettung vor.

Dort, wo sich Kaiser Nero unweit von seinem Palast Domus Aurea einst einen Privatsee in den Boden baggern ließ, errichteten Roms Baumeister das Prunkstück ihrer Architektur. Etwa 100 000 Kubikmeter Travertinstein verarbeiteten sie. Es entstand eine vierstöckige, prächtige Fassadenellipse mit Halbsäulen und Bögen in allen Stilrichtungen jener Zeit. Bretter bedeckten den Boden im Inneren, darunter lagen die «Eingeweide» des Amphitheaters. Heute würde man wohl «backstage» sagen: Hier hielten sich die Gladiatoren auf, und auch Tiere, die bei den Spielen eingesetzt wurden - nachdem sie mit Flaschenaufzügen aus ihren Käfigen in die Arena gehievt worden waren.

Kaiser Vespasian ließ das Kolosseum errichten, erlebte die lange «Eröffnungsschlacht» aber nicht mehr. Der Event fiel dem Sohn Titus in den Schoß: Allein in diesem Vierteljahr des Jahres 80 starben etwa 2000 Gladiatoren dort - also jeder Fünfte von all jenen, die vor dem Podium des Kaisers und der kreischenden Menge auftraten. «Morituri te salutant», so hieß der berühmte Spruch der Sklaven oder Abenteurer, die sich hier zerfleischen ließen: «Die Todgeweihten grüßen dich.»

Das Schicksal ereilte allein in den 100 Tagen der festlichen Eröffnung 9000 Tiere, darunter Bären, Schlangen und Gazellen. Auch Tierhatzen waren groß in Mode. Neros Größenwahn war es dann auch zu verdanken, dass die Arena mit Wasser für Seeschlachten geflutet werden konnte.

Doch die Zeit der Gladiatoren, dieser Stars einer frühen Form der Unterhaltungsbranche, ging zu Ende, wenn auch erst Jahrhunderte später. Zwar wird jeder Kolosseum-Führer gefragt, ob hier auch Christen den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen worden sind. Doch das war nicht der Fall, beteuern diese. Wie auch immer: Das 50 Meter hohe Kolosseum - so benannt nicht wegen seiner Größe, sondern nach einer monumentalen Nero-Statue nahebei - war schlicht irgendwann «out».

Einst das Zentrum derber römischer Spaßindustrie, diente es dann vor allem als Steinbruch unter anderem für den Bau des Petersdoms. Es gab in Rom eben eine sehr lange Zeit, in der die Antike nichts mehr galt. Nur das Neue zählte. Also brach man aus dem Kolosseum heraus, was nicht niet- und nagelfest war, von den Marmorverkleidungen derwohl geordneten Ränge bis zum Travertinstein. Nach und nach wurde aus dem stolzen Amphitheater - großer Ellipsendurchmesser: 188 Meter - noch mehr eine gigantische Ruine, für deren Steinklammern einst 300 Tonnen Eisen verarbeitet worden waren. Zeitweise diente es als Festung, spätere Stiche zeigen es von Unkraut nahezu überwuchert.

Und heute? Das Kolosseum ist «krank», es braucht viel Geld für die Rettung. Es stehen aber auch ziemlich attraktive Neuerungen ins Haus, die noch mehr Touristen in das «Anfiteatro Flavio» locken sollen, wie das Monumentalwerk auf Italienisch auch heißt. Das bringt Geld in die Kassen. Derweil suchen Hauptstadt und Kulturbehörden dringend nach internationalen Sponsoren. «Wir brauchen 23 Millionen Euro, um das Bauwerk völlig zu säubern, die Anlagen- und Überwachungstechnik zu modernisieren, die Einfriedung zu erneuern und die Wandelgänge im ersten und zweiten Stock zu restaurieren» - diesen ehrgeizigen Plan erläutert die Direktorin des Kulturdenkmals, Rossella Rea.

«Der angekündigte Zusammenbruch» - so und ähnlich titelten die besorgten römischen Zeitungen im Mai, als an einem Sonntagmorgen am Bauwerk plötzlich einige Putzplatten bröckelten und herunterkrachten. Umweltverschmutzung, Vibrationen durch jede Art Verkehr und Einflüsse starker Wetterveränderungen machen das Kolosseum mürbe. «Das Abfallen dieser Platten hat chemische Veränderungen in den Mauern freigelegt», erläutert die Direktorin. Diese Veränderungen verwandeln das Calciumkarbonat des Amphitheaters in Calciumsulfat. Die Archäologen nennen das «Gesteins-Krebs», weil sich dieser Prozess metastasenartig fortsetzt. «Es gibt aber kein Problem der Stabilität», versichert Rea, «das wird ständig kontrolliert.» Was abfällt, fangen Netze auf.

Was es aber gibt, ist ein andere Problem, und zwar das der leeren Kassen der Tiber-Metropole. Auch wenn japanische Sponsoren schon ihre Hilfe zugesagt haben, «brauchen wir mehr davon.» Denn es geht nicht nur zum Beispiel um eine bessere Beleuchtung. Es geht vor allem um die von Experten seit Jahren geforderte gründliche Instandsetzung, die nach Möglichkeit auch den «Gesteins-Krebs» behandeln sollte.

Die Jahreseinnahmen von 32 Millionen Euro können nicht in die große Operation fließen, sie finanzieren nur den Alltagsbetrieb. Und sie gehen zudem an sonstige «notleidende» antike Schätze der damit übersäten Stadt. Also muss eine andere Abhilfe her. Und die Zeit drängt - 2011 wird die Nation Italien 150 Jahre alt und soll sich dafür hübsch machen.

«Visit by night», also der Besuch des in der Dunkelheit besonders anziehenden Kolosseums, soll bis zum September jeweils dienstags und samstags immer bis Mitternacht eine Begegnung der vielleicht auch gruseligen Art mit dem früheren Schauplatz von Gemetzeln ermöglichen. Zudem können noch im Spätsommer - genaue Daten zu nennen verbietet jede Erfahrung mit italienischer Alltagspraxis - zwei jahrzehntelang verschlossene Teile endlich wieder Touristen und damit Geld anlocken.

Dies betrifft einen Verbindungsgang zum dritten Stockwerk und diese hohe Ebene selbst, die einen Blick über das ganze Amphitheater und seine antike Umgebung mit dem eleganten Konstantinsbogen und dem Forum Romanum freigibt. Zum anderen werden beeindruckenden Gänge im Untergrund geöffnet - einst «Service-Raum» für Gladiatoren und wilde Tiere. Sie werden zu einem Viertel für Besucher freigegeben.

«Retten wir das Kolosseum!» Mit diesem Aufschrei wandte sich die Zeitung «La Repubblica» unlängst an die Römer. Denn das meistbesuchte Monument Italiens ist von lärmigem Autoverkehr umzingelt, in der Nähe sorgt die Metrostation «Colosseo» für einen vibrierenden Boden. Auf jene Millionen, die das einst größte Amphitheater bestaunen wollen, wartet zudem ein Spießrutenlauf und ein Beine-in-den-Bauch-Stehen.

Denn jede Menge Römer drängen sich in billiger Legionärsmontur vor allem asiatischen Touristen für Fotos auf. Sie werden auch manchmal ziemlich handgreiflich untereinander im zeitgenössischen Kampf um die Kunden. Dutzende Händler bieten marktschreierisch Waren feil. Eine kleine Flasche Wasser gegen die sengende Hitze gefällig? Zwei Euro! Beileibe nicht jeder Führer hat die geforderte Lizenz in der Tasche, und wie bei «wilden Taxis» läuft man Gefahr draufzuzahlen. Es wuseln auch jene herum, die die Touristen für die Nacht abschleppen wollen.

Und noch ein paar eher unangenehme Überraschungen schließen sich an. Nur zwei Metalldetektoren stehen bereit, um die Touristen aus aller Welt zu durchleuchten. Kein Wunder, dass sich in Stoßzeiten, wenn die Reisebusse Tausende von Insassen ausspucken, lange Schlangen bilden, im Sommer in der Regel in brütender Hitze bis an die 40 Grad. Zwölf Euro kostet der Eintritt, und manchen entgeht, dass sie damit auch das Forum Romanum durchwandern und den in der Nachbarschaft gelegenen, äußerst sehenswerten Palatinshügel besteigen dürfen.

Hat man das Objekt der Begierde betreten, heißt es aufgepasst - und zwar wegen der derzeit noch so vielen Baustellen im Inneren. Seltener sind dagegen didaktische Informationen. Doch auch das soll jetzt anders werden. Der riesige antike Komplex vom Circus Maximus bis zum Forum Romanum mit dem Kolosseum als Bindeglied dazwischen werde als Einheit gesehen und mit einem ehrgeizigen Projekt gesichert, beteuert Kultur-Staatssekretär Francesco Giro. Keine Dezibel-geschwängerten Konzerte auf der Bühne im Inneren mehr, das soll dem Kolosseum helfen, nicht noch mehr zu leiden. Und für die Besucher, von denen man ja nicht weniger, sondern noch mehr haben will, ist auch einiges geplant: Aufzüge im Kolosseum, automatisierte Kassen, eine verbesserte Infrastruktur. Bleibt nur abzuwarten, ob und wann all das bezahlt, ausgeführt und eröffnet ist.

Fotogalerie: Das Kolosseum in Rom

Steinerner Zeitzeuge


    
    






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