Alpen: Blutkörperchen in der Mumie von Ötzi

02.05.2012 08:37 Uhr | Aktualisiert 02.05.2012 08:40 Uhr
Drucken per Mail
Wissenschaftler untersuchen «Ötzi»

«Ötzi» wird auch nach 21 Jahren noch intensiv untersucht. (FOTO: DPA)

Von Britta Schultejans
Wissenschaftler finden an der Mumie gut erhaltene 5 300 Jahre alte Blutkörperchen. Gletschermann starb an Verletzung durch Pfeilwunde.
München/Bozen/DPA. 

Am Gletschermann "Ötzi" haben deutsche und italienische Forscher rote Blutkörperchen nachgewiesen. Nach Angaben von Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumien und den Iceman der Europäischen Akademie Bozen, ist es das erste Mal, dass es Wissenschaftlern gelang, Blutreste an der 5 300 Jahre alten Mumie zu finden. "Ötzis" tiefgefrorene Leiche war 1991 in den Ötztaler Alpen entdeckt worden. Wie die Forscher mitteilten, handelt es sich um den ältesten Blutnachweis der modernen Forschung. Möglich wurde der Nachweis mit nanotechnologischen Verfahren.

"Dass nach so langer Zeit noch Blutkörperchen erhalten sind, war für uns eine Riesen-Überraschung", sagte Zink, der Mitglied des Center for NanoSciences in München ist und die neuen Untersuchungen gemeinsam mit Kollegen zunächst in München begann und in Bozen und am Center of Smart Interfaces der Technischen Universität Darmstadt fortführte. "Es gab bislang keine Erkenntnisse darüber, wie lange Blut erhalten bleibt - geschweige denn, wie menschliche Blutkörperchen aus der Kupferzeit aussehen." Die Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler im "Journal of the Royal Society Interface".

Das Forscherteam untersuchte Gewebeschnitte aus der Pfeileinschuss-Wunde am Rücken, die "Ötzi" allem Anschein nach einst das Leben kostete, und aus einer Schnittwunde an seiner rechten Hand mit einem Rasterkraftmikroskop. Dieses Gerät vermisst mit einer feinen Spitze die Oberfläche der Gewebeproben und zeichnet ein dreidimensionales digitales Abbild. "Zum Vorschein kam das Bild von roten Blutkörperchen mit der klassischen "Doughnut-Form" - der gleichen Form, wie sie bei gesunden Menschen unserer Zeit vorliegt", sagte Zink.

Um auszuschließen, dass es sich dabei um Pollen oder Bakterien handelte, bestrahlten die Forscher die Gewebeproben mit intensivem Licht (Raman-Spektroskopie), wodurch sich unterschiedliche Moleküle identifizieren ließen. Die daraus gewonnenen Bilder stimmten mit modernen Blut-Proben überein, so die Wissenschaftler.

Die Forscher erhoffen sich jetzt von der 5 300 Jahre alten Blutprobe auch Erkenntnisse für die moderne Gerichtsmedizin und darüber, wie Blutspuren sich mit der Zeit verändern. "Ein Ansatz war auch, irgendwann ein Werkzeug für die Gerichtsmedizin zu entwickeln", sagte Zink. Bisher sei es kaum möglich, das Alter einer Blutspur zu bestimmen.

Und noch ein Ergebnis haben die Untersuchungen gebracht: An der Pfeileinschuss-Wunde stieß das Forscherteam auf Fibrin, ein Protein, das die Blutgerinnung steuert. Dieser Fund untermauere die These, dass "Ötzi" an der Verletzung starb und nicht erst später, wie zwischenzeitlich vermutet wurde.

Kaum ein Mensch wurde je so intensiv untersucht wie "Ötzi". Er wurde geröntgt, sein Mageninhalt wurde analysiert, seine Muskeln rekonstruiert und Experten entschlüsselten sein Erbgut. Dadurch weiß man heute, wie "Ötzi" in der Jungsteinzeit lebte, dass er vor seinem Tod Steinbock, Brot und Salat aß, braune Augen hatte und an Gallensteinen litt. Experten gehen davon aus, dass sie "Ötzi" mit neuen Methoden noch so manches Geheimnis mehr entlocken können.