Beate Uhse: «Erotik wird immer zum Leben gehören»

17.02.2012 14:59 Uhr | Aktualisiert 30.04.2012 20:40 Uhr
Drucken per Mail
Beate-Uhse-Filiale in Hamburg

Beate-Uhse-Chef Serge van der Hooft in einer Filiale in Hamburg (FOTO: PAULUS PONIZAK)

Von Jochen Knoblach
Beate Uhse-Chef Serge van der Hooft über die Krise und neue Zielgruppen. Der Sexshop ist so alt wie die Rolling Stones. Als Beate Uhse vor 50 Jahren in Flensburg den ersten Erotikladen der Welt eröffnete, war Serge van der Hooft noch längst nicht geboren.
Berlin/MZ. 

Der Sexshop ist so alt wie die Rolling Stones. Als Beate Uhse vor 50 Jahren in Flensburg den ersten Erotikladen der Welt eröffnete, war Serge van der Hooft noch längst nicht geboren. Er sitzt am Steuer eines schwarzen viertürigen Mercedes-Coupés mit den Buchstaben BU im Flensburger Kennzeichen. In der Mittelkonsole stehen zwei XL-Becher Coke Zero, in denen Trinkröhrchen stecken. Das Navigationssystem gibt Anweisungen auf Holländisch. Vorher habe er eine S-Klasse als Dienstwagen gehabt, sagt van der Hooft, aber dafür habe er sich noch zu jung gefühlt. Der Mann ist 34 Jahre alt und seit etwa zweieinhalb Jahren Chef der Beate Uhse AG. Das Unternehmen ist deutschland- und europaweit die Nummer eins in einer Branche, in der allein hierzulande jährlich mehrere hundert Millionen Euro umgesetzt wer-den.

Herr van der Hooft, wissen Sie, welches das neueste Produkt in Ihrem Sortiment ist?

Oh ja, das kenn ich. Das ist der We-Vibe drei. Sechs Stufen, wasserfest, kabellose Fernbedienung. Ein tolles Pro-dukt.

Kein Spielzeug-U-Boot, oder?

van der Hooft: Nein, aber ein Spielzeug. Es ist ein Vibrator für Paare. Einer, den beide gemeinsam benutzen können.

Klingt, als seien Sie mit den Verkaufszahlen zufrieden.

van der Hooft: Absolut. Schon die Vorgängermodelle eins und zwei liefen wirklich gut. Die dritte Generation wurde nochmals verbessert. Ich denke, damit können wir Spaß garantieren.

Die wirtschaftliche Situation Ihrer Branche ist dagegen überhaupt nicht spaßig. Die Umsätze magern ab, die Verluste werden fetter. Was läuft da falsch?

van der Hooft: Wir haben eine Produktkrise. Früher waren Video-Kassetten und DVDs unser Hauptgeschäft. Dann kam das Internet, und die Filme waren frei verfügbar. Das hat unsere Branche unter Druck gebracht. Filme machten vor zehn Jahren 80 Prozent des Umsatzes von Beate Uhse aus. Jetzt ist es nur noch ein Zehntel.

Dafür wirken Sie aber ausgesprochen entspannt.

van der Hooft: Das bin ich auch. Wir sind auf dem richtigen Kurs, und ich mache mir wirklich auch keine allzu großen Sorgen. Erotik wird wie Essen und Trinken immer zum Leben gehören.

Tatsächlich werden hierzulande Tag für Tag knapp 600 000 Kondome gekauft, was vermuten lässt, dass den Deutschen die Lust nicht vergangen ist. Wie viele Kunden haben Sie?

van der Hooft: Etwa fünf Millionen in Europa, davon mehr als zwei Millionen in Deutschland.

Allerdings hat sich der Umsatz von Beate Uhse halbiert, seit Sie auf dem Chefsessel sitzen.

van der Hooft: Das ist der Preis unseres Umbaus bei Beate Uhse. Wir haben unrentable Läden geschlossen, den Großhandel zentralisiert, die Katalogauflage gekürzt. Dadurch haben wir unrentablen Umsatz verloren, aber Kosten gespart und die Verluste deutlich reduziert. 2012 werden wir ohne Verlust beenden.

Ist es für Sie eine Last, für das Lebenswerk einer der wohl großartigsten Frauen der deutschen Nachkriegszeit verantwortlich zu sein?

van der Hooft: Nein. Es ist eine große Verantwortung. Ich habe Beate Uhse leider nicht mehr persönlich kennengelernt. Sie starb drei Monate bevor ich 2001 in das Unternehmen kam. Aber ich weiß natürlich, was sie geleistet hat und welches Erbe ich zu tragen habe. Es ist eine Ehre für mich. Sie ist immer dafür eingetreten, Erotik als etwas völlig Normales zu betrachten. Heute sind wir an diesem Ziel angekommen.

Das hilft Ihnen im Moment aber offenbar auch nicht weiter. Wie wollen Sie das Unternehmen fortführen?

van der Hooft: Es wird weniger Filialen für Männer in den Rotlichtvierteln geben, dafür entstehen helle, offene Erotikboutiquen für Frauen und Paare in den Innenstädten.

Spielt der Katalog noch eine Rolle?

van der Hooft: Ja, aber nur noch eine Nebenrolle. Wir brauchen den Katalog und die Läden vor allem, um die Marke zu pflegen. Der Wachstumstreiber von Beate Uhse ist eindeutig das Internetgeschäft. Hundertprozentig.

Nichts gegen Ihren Optimismus, aber woher soll das Wachstum kommen? Die Topografie der erogenen Zonen beider Geschlechter ist lückenlos erkundet, und es darf als unwahrscheinlich gelten, dass neue Körperöffnungen entdeckt werden.

van der Hooft: Damit rechne ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Aber dafür werden die bekannten Gebiete von immer mehr Menschen als Experimentierfeld entdeckt.

Obwohl der Anteil älterer Menschen im Land zunimmt? 2030 wird jeder dritte Deutsche über 60 sein.

van der Hooft: Das sagt doch gar nichts. Es gibt Untersuchungen, nach denen das gefühlte Alter um zehn bis 15 Jahre unter dem tatsächlichen liegt. Wer alt ist, muss sich nicht alt fühlen. Außerdem hat Erotik nichts mit dem Alter zu tun. Unser We-Vibe ist das beste Beispiel. Diesen Vibrator hat ein Ehepaar entwickelt, das weit über 60 ist.

Ist Sexspielzeug inzwischen das Hauptgeschäft von Beate Uhse?

van der Hooft: Ja, zusammen mit Wäsche. Beides macht mittlerweile vier Fünftel unseres Umsatzes aus.

Wie viele Produkte haben Sie eigentlich im Sortiment?

van der Hooft: So um die 20 000 Artikel. Am Tag verkaufen wir etwa 12 000. Dafür, dass niemand zugibt, bei uns zu kaufen, ist das eine ganze Menge, oder?

Und das Pornogeschäft ist tot?

van der Hooft: Nein. Der Mann von heute guckt genauso gerne Pornos wie der Mann vor zehn, 15 Jahren. Nur schaut er heute über das Internet oder nutzt Video-on-demand-Angebote. Porno wird immer in unserer Gesellschaft bleiben. Ich glaube an die Unsterblichkeit des Pornos.

Sie setzen auf Sexspielzeug. Damit hat es vor zwei Jahren sogar Philips versucht und sehr bald wieder aufgegeben.

van der Hooft: Das ist schade, denn durch Philips war die Branche wieder im Gespräch. Ich denke, dass Philips den Markt überschätzt hat. Außerdem muss man auch die Feinheiten des Marktes kennen, man braucht Erfahrungen. Philips hat zu viel in zu kurzer Zeit erwartet.

Den weiteren Konkurrenten hätten sie nicht gefürchtet? Mittlerweile führen ja sogar Drogerie-Ketten Erotikartikel im Sortiment.

van der Hooft: Damit haben wir kein Problem, weil wir viele Unternehmen über unseren Großhandel selbst beliefern. Rossmann gehört zum Beispiel zu unseren Kunden.

Sie verkaufen Sexspielzeug über die Mediamärkte?

van der Hooft: Das ist doch toll. Das zeigt, dass Erotikprodukte immer mehr akzeptiert werden. Hier in Deutschland ist es noch schwerer vorstellbar, dass Vibratoren im Regal stehen. Da sind wir Holländer etwas offener. Wir sehen das aber auch für den deutschen Markt.

Wer kauft bei Beate Uhse?

van der Hooft: Vor allem Frauen. Vor zehn Jahren war vielleicht jeder fünfte unserer Kunden eine Frau. Heute sind sie in der Mehrzahl. 60 Prozent, schätze ich. Es kommen auch viele Paare. Oft auch junge Paare.

Und was wird gekauft?

van der Hooft: Dessous und Toys. Die Zeiten sind vorbei, in denen Männer sich in der Videokabine einen Porno angesehen und anschließend einen Vibrator für zehn Euro und Handschellen mit nach Hause gebracht haben. Frauen sind unabhängiger, sie sind gebildet, haben gute Jobs, sind emanzipiert. Sie wissen, was sie wollen, und sie nehmen es sich. Heute kaufen Frauen selbst, was sie wollen.

Sind Frauen die besseren Kunden?

van der Hooft: Sie sind anspruchsvoller. Was sie wollen, muss gut aussehen, es muss sich gut anfühlen, muss eine gute Qualität haben.

Könnte man sagen, dass mittlerweile die Phantasielosigkeit der Männer ihr Geschäft ist?

van der Hooft: Es sieht so aus. Leider.

Wer entscheidet, was auf den Markt gebracht wird?

van der Hooft: Das wird im Marketing- und Produktmanagement entschieden. Es sind vor allem Frauen, die entscheiden. Frauen wissen am besten, was Frauen wollen.

Im Vorstand gibt es aber keine Frau.

van der Hooft: Nein.

Eine Männerrunde also. Wie darf man sich eine Vorstandssitzung vorstellen?

van der Hooft: Wie ganz normale Geschäftsmeetings. Es geht um Stückzahlen und Preise.

Wie sind Sie eigentlich zu Beate Uhse gekommen?

van der Hooft: Das war immer mein Ziel. Wo ich herkomme, gibt es 3 000 Einwohner und sieben Sexshops. Mein Vater hat auch in einem gearbeitet. Insofern hatte ich da nie Berührungsängste.

Was sagen die Töchter zu Ihrem Job?

van der Hooft: Meiner neunjährigen Tochter habe ich gesagt, dass ich was für Frauen mache. Das fand sie okay, aber auch ein bisschen sonderbar. Da wird mir bewusst, dass ich doch nicht in einer ganz normalen Branche arbeite.