Die Familien der Opfer reagierten entsetzt. „Das kommt wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel“, sagte Paul Marchal. „Sie ist genauso schuldig wie Marc Dutroux selbst, sie muss ihre Strafe vollständig absitzen“, sagte Jean Lambrecks. Sie, das ist Michèle Martin (52), die frühere Ehefrau des belgischen Sexualstraftäters Marc Dutroux. Ein Gericht hatte Martin 2004 zu 30 Jahren Haft verurteilt. Am Dienstag billigte die Justiz im belgischen Mons einen Antrag auf vorzeitige Freilassung. Im fünften Anlauf. Mit Blick auf die lange Untersuchungshaft sei ein Drittel der Strafe vergolten, befanden die Richter. Zwar kündigte die Staatsanwaltschaft Berufung an, doch sie kann nur Verfahrensfehler anfechten.
Ein nationales Trauma
In Belgien löste die wahrscheinliche Entlassung eine heftige Debatte aus. Die wallonischen Liberalen forderten, eine vorzeitige Haftentlassung bei schweren Strafen per Gesetz auszuschließen. Noch immer rührt der Name Dutroux an ein nationales Trauma. Der Sexualstraftäter hatte in den 90er Jahren sechs Mädchen entführt, vier starben, zwei konnte die Polizei nach der Festnahme befreien. In einem Kellerverlies in seinem Haus nahe Charleroi vergewaltigte Dutroux seine Opfer, Aufnahmen von den Taten verkaufte er als kinderpornografisches Material.
1996 wurden er, seine Frau und ein weiterer Komplize festgenommen. Bei den weiteren Ermittlungen kamen zahlreiche Justizpannen ans Licht. So war Dutroux auch wegen Drogendelikten und Autodiebstählen ins Visier der Fahnder geraten. Bei einer Hausdurchsuchung wollte ein Polizist Kinderstimmen gehört haben. Zudem war Dutroux 1998 bei einem Gerichtstermin kurzzeitig die Flucht gelungen. Dies, der Suizid eines ermittelnden Staatsanwalts und der Tod zahlreicher wichtiger Zeugen hatten immer wieder zu Verschwörungstheorien geführt. Unmittelbar nach der Verhaftung von Dutroux war es 1996 zu landesweiten Demonstrationen gekommen. Michèle Martin, eine Lehrerin, hatte Dutroux 1982 kennengelernt. Sie wusste von den Sexualstraftaten ihres Mannes. 1989 musste das Paar wegen Kindesmissbrauchs in Haft. Doch deckte sie auch nach der Entlassung Dutroux’ Taten.
Als dieser 1996 wegen Drogendelikten erneut im Gefängnis saß, sollte sie sich um zwei entführte Mädchen im Kellerverlies kümmern. Doch beide Kinder verhungerten. Martins Anwälte versuchten sie vor Gericht als erstes Opfer Dutroux’ darzustellen. Das Gericht sah sie als Mittäterin. Die belgische Schriftstellerin Nicole Malinconi, die nach mehreren Interviews mit Martin das Buch „Sie nennen sie Michèle Martin“ schrieb, sagte später: „Ich habe mit einer Frau gesprochen, nicht mit einem Monster.“
Absage aus Frankreich
Die Frau Michèle Martin will nun in ein belgisches Nonnenkloster in Malonne ziehen. Im Vorjahr noch hatte ein Kloster in Frankreich nach Protesten seine Zusage zurückgezogen. Die Schwestern in Malonne sind zur Aufnahme bereit. Bedingung sei, dass Michèle Martin eine Chance auf Resozialisierung habe und sich an die Justiz-Auflagen halte, hieß es. Dazu gehört, dass sie sich den Opfer-Familien nicht nähert.
Der zu lebenslanger Haft verurteilte Marc Dutroux kann wegen Sicherheitsverwahrung nie wieder freikommen. Das Paar ist seit neun Jahren geschieden.