Rockerszene: Chef der Hells Angels liegt wieder im Koma

13.06.2012 16:16 Uhr | Aktualisiert 13.06.2012 18:30 Uhr
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Gaststätte

Die Gaststätte «Germanenhof» in Berlin-Hohenschönhausen. Dort wurde ein führendes Mitglied der Rockergruppe Hells Angels durch Schüsse lebensgefährlich verletzt. (FOTO: DPA)

Von Julian Mieth
Was passiert in Berlins Rockerszene? Die Frage treibt die Polizei um. Nach Überläufen zu verfeindeten Clubs gilt die Lage als explosiv. Und dann gibt es womöglich noch interne Machtkämpfe. Dass ein aus dem Koma erwachter Rocker Licht ins Dunkel bringen, ist unwahrscheinlich.
Berlin/dpa. 

Der durch Schüsse lebensgefährlich verletzte Chef einer Gruppe der Berliner Hells Angels ist nach wie vor nicht vernehmungsfähig. „Die Kollegen der Mordkommission konnten bisher nicht mit ihm sprechen“, sagte Polizeisprecher Thomas Neuendorf am Mittwoch. Nach dpa-Informationen liegt der Rocker wieder im Koma, nachdem er kurzzeitig erwacht war. Dass sich der verletzte Hells Angel überhaupt gegenüber den Ermittlern äußert, gilt als höchst unwahrscheinlich. Das verbietet der „Ehrenkodex“ der Rocker. Vor dem Krankenhaus haben sich etwa zehn Hells Angels postiert.

Die Ermittler suchen weiterhin nach dem Motiv für die Tat. Der Attentäter ist noch nicht gefasst. Unterdessen haben die Behörden den Druck auf die Rockerszene mit speziellen Sondergruppen erhöht - auch weil sie befürchten, der schwelende Rockerkrieg zwischen Hells Angels und Bandidos könnte eskalieren.

Ermittler gehen davon aus, dass der Angeschossene auch bei besserer Gesundheit schweigen wird. Eine Regel in der Szene lautet: Sprich nicht mit der Polizei. Dies gilt ebenfalls - wie wohl auch in diesem Fall-, wenn ein Rocker selbst Opfer eines Angriffs wird. Schon 2009 erlitt der 47-Jährige bei einer Attacke der verfeindeten Bandidos schwere Verletzungen. Und auch damals schwieg der Mann, der als einflussreichster Hells Angel in Berlin gilt.

Nach mehreren Polizeischlägen gegen die Hauptstadt-Rockerszene hatte ein Unbekannter in der Nacht zum Sonntag mehrfach auf den Boss der kürzlich aufgelösten Hells Angels Nomads geschossen. Die Kugeln sollen nach Medienberichten auch Herz und Rücken getroffen haben. Es sei nicht ausgeschlossen, dass der Mann darum gelähmt sein könnte. Die Polizei konnte die Details nicht bestätigen, weil sie aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht keinen Einblick in die Krankenakte hat. Dazu könnte möglicherweise aber ein richterlicher Beschluss gestellt werden.

Unterdessen stehen Hells Angels seit dem Attentat vor dem Virchow-Klinikum in Wedding, um ihren Chef zu schützen. Auch die Polizei ist vor Ort. Am Dienstagabend kontrollierte sie die Rocker mit einem Großaufgebot. Waffen seien aber nicht gefunden worden, so der Polizeisprecher. Ermittler befürchten, dass der Täter es erneut auf den 47-Jährigen abgesehen haben könnte.

Die Staatsanwaltschaft hat mittlerweile eine Taskforce für alle Fälle mit Bezug zur Rockerszene gebildet. Zugleich hat das LKA eine Besondere Aufbauorganisation (BAO) eingesetzt, in der Ermittler, Experten und eine Hundertschaft vereint sind. Diese Gruppe soll konzentriert gegen Rocker vorgehen und den Druck erhöhen.

Das Motiv hinter der Tat ist weiter unklar. Nach Verboten, Übertritten von Bandidos zu den Hells Angels und Clubauflösungen ist die Szene stark in Bewegung. Nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) ist die Dynamik der Clubveränderung so groß, dass die Polizei kaum noch hinterherkommt.

Fest steht aber: Ende Mai hatten sich die mächtigen Hells Angels Berlin City aufgelöst, weil sie von einem bevorstehenden Verbot erfahren hatten. Der Verräter wird in den Reihen der Polizei vermutet, ist aber weiter unbekannt. Am Freitag will sich der Innenausschuss mit dem Thema in einer Sondersitzung beschäftigen.

Der verbotene Club um einen 28-jährigen Ex-Bandido gilt als äußerst brutal, ihr Anführer als stark machtorientiert. Etwa zeitgleich zum Verbot hatte der 47-Jährige die Nomads aufgelöst. Laut LKA ist der Club seither in zwei Lager gespalten. Ermittler schließen nicht aus, dass es interne Machtkämpfe zwischen den beiden Rockerchefs bei der Neuausrichtung der Hells Angels in Berlin gegeben haben könnte. 2010 soll der 47-Jährige noch den Übertritt des Ex-Bandido miteingefädelt haben.

„Es ist aber genauso möglich, dass es Konflikte mit den Bandidos gab“, sagte Polizeisprecher Thomas Neuendorf. Nach Überläufen zweier ihrer Gruppen und wegen des starken Expansionsdrangs der Höllenengel stehen die Bandidos im Kampf um Macht und Einfluss stark unter Druck.