Aussöhnung: Auch Polen gehört dazu

10.07.2012 21:31 Uhr | Aktualisiert 10.07.2012 21:31 Uhr
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Hans-Dietrich Genscher

Hans-Dietrich Genscher (FOTO: MZ)

Die deutsch-französische Aussöhnung und in ihrer Folge die deutsch-französische Zukunftspartnerschaft gehören zu den kostbarsten Ergebnissen europäischer Nachkriegspolitik.
Halle (Saale)/MZ. 

Es war deshalb richtig, dass sich der französische Präsident und die deutsche Bundeskanzlerin in Reims getroffen und zu dem historischen Schritt ihrer Vorgänger bekannt haben.

Mancher mag sich gefragt haben, warum der französische Präsident es für notwendig hielt, noch einmal vor einer deutsch-französischen Führungsrolle zu warnen. Gewiss, solche Erklärungen waren in den Anfangsjahren zum Ritual geworden. Indessen zeigte sich sehr bald, dass sowohl Paris wie Bonn mit ihrer Verantwortung für den Elysée-Vertrag, der vor 50 Jahren geschlossen wurde, sehr behutsam umgegangen sind. Mehr und mehr wurden Paris und Bonn ermutigt, voranzugehen. Und mehr und mehr übernahm es vor allem Deutschland, die denkbar engste Abstimmung mit den kleineren Mitgliedstaaten zu suchen. So entstand eine neue Kultur des Zusammenlebens in Europa, gegründet auf Gleichberechtigung und Ebenbürtigkeit der Mitgliedstaaten, der kleineren wie der größeren.

Es gibt eine ganz andere Aufgabe, der sich Paris und Berlin heute zu widmen haben. Die EU, das ist nicht mehr die durch den kalten Krieg erzwungene Beschränkung der europäischen Einigung auf Westeuropa. Es ist vielmehr die Einbeziehung der Länder, die nach dem Fall der Mauer Mitglied werden konnten. Die Geschichte Europa hat es bewirkt, dass es drei große europäische Völker sind, von deren Miteinander oder von deren Gegeneinander ganz Europa betroffen ist. Hier liegt die historische, moralische und kulturelle Wurzel des Weimarer Dreiecks, der Verbindung nämlich zwischen Paris, Berlin und Warschau. Auch ihnen fällt keine Führungsrolle zu, und keiner von ihnen beansprucht sie. Aber sie tragen eine gemeinsame Verantwortung für die Zukunft des Kontinents. Die Aufgabe, der sich die drei Staaten jetzt zu widmen haben, sind gemeinsame Impulse für den europäischen Einigungsprozess.

Wenn es wieder zu einem Treffen in Reims kommt, wäre es gut, wenn auch Polen dort vertreten wäre. Es wäre aber auch gut, wenn bei einem Treffen der Staatsspitzen von Frankreich, Polen und Deutschland beschlossen würde, das größere Europa dort als gemeinsame Verantwortung und gemeinsames Ziel der drei Völker auszurufen, wo der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt einst mit seinem Kniefall den Weg in die Zukunft öffnete. Für Paris und Berlin heißt das, Warschau gehört dazu.