Thilo Sarrazin stößt mit seinem neuen Buch auf viel Kritik. (FOTO: DPA)
Ein Thema immerhin, bei dem man dem Autor, der bereits in den 70ern beim Internationalen Währungsfonds gearbeitet hat, danach im Finanzministerium, als Berliner Finanzsenator und zum Schluss bei der Bundesbank, zubilligen darf, dass er sich auskennt. Soll Sarrazin doch zeigen, dass er ein aufklärerisches Buch schreiben kann.
Um es vorweg zu nehmen: Er kann es nicht. Da ist wieder der hässliche nationalistische Ton, der das Buch einrahmt. Es ist keine rationale Abwägung der wirtschaftlichen Vor- und Nachteile des Euro, sondern ein ganz klar auf die These: Zurück zur D-Mark hingeschriebenes Buch. Dafür ist Sarrazin alles recht: auslassen, weglassen, umdeuten, bewusst falsch interpretieren.
Es ist ein widerliches Buch, dem man nur eines wünschen kann: Möge es in den Buchhandlungen vergammeln! Denn dem ökonomischen unbedarften Bürger wird es mit "Europa braucht den Euro nicht" gehen wie mit dem Vorgänger: Er wird beeindruckt sein, von der angeblichen Detailtreue, von dem sehr sachlichen Ton, den kleinen Anekdoten aus dem Leben des großen Thilo Sarrazins. Er wird einen Autor entdecken, der zugibt, dass "auch ich am Ende des Buches die absolute Wahrheit nicht entdeckt haben werde". Die absolute Wahrheit!
Ein paar Beispiele gefällig, wo das Buch nationalistisch ist, wo es lügt, wo es ausblendet und wo es täuscht?
Schon auf der ersten Seite heißt es: "Für jene Europäer, die die Zufälle des Schicksals dazu verdammt hatten, ihr Geld in Drachmen, Lire oder Escudos zu verdienen, … , sah die Betrachtung natürlich anders aus. Sie neigten dazu, den Glanz deutscher Ingenieurprodukte, den Lebensstandard in Deutschland ... und vieles mehr, um das man Deutschland beneidete, mit dem Umstand zu verwechseln, dass man in Deutschland in D-Mark bezahlte." Da ist sie die Überhöhung des Deutschen, die Herabsetzung der anderen. Sarrazin konstruiert den Gegensatz zwischen dem effizientem und stabilen Nordeuropa und dem schludrigen Süden - fleißig gegen faul, weiß gegen braun.
Klar, hier schreibt ein Eurogegner, der zu wissen glaubt, warum Deutschland bislang so europafreundlich agiert hat. Nein, natürlich nicht aus eigenen Interessen. Die seit sechs Jahrzehnten besonders ausgeprägte Begeisterung für Europa sei nicht zu erklären "ohne die moralische Last der Nazizeit".
Wo lügt das Buch? Gleich zu Beginn, denn die Portugiesen und Italiener wollten nie die D-Mark anstelle ihrer nationalen Währung haben. Wenn ihre Regierungen etwas wollten, dann eine Geldpolitik für Europa, die sich nicht nur an den wirtschaftlichen Belangen Deutschlands ausrichtet. Richtig krass wird es, wenn er sich mit dem Phänomen der Ansteckung befasst. Jenem Phänomen, das sich spätestens seit der Pleite der US-Bank Lehman im Herbst 2008 einen Platz in der Allgemeinbildung gesichert hat. Der Fall einer kleinen, vernetzten US-Bank, hat die Wirtschaft weltweit abstürzen lassen, hat Billionen Euro an Rettungsgeldern gekostet. Doch was behauptet Sarrazin? "Diese Theorie der Ansteckung hat allerdings keinen ökonomischen Gehalt, sie ist vielmehr im Kern eine politische Theorie."
Es gibt keine Ansteckungsgefahren? Ja, dann brauchte und braucht man sich um den Austritt Griechenlands keine Sorgen machen. So einfach ist das! Und weil das so einfach ist, ist auch das Sarrazinsche Rezept zur Lösung der Euro-Krise einfach: Lasst sie doch alle in die Insolvenz gehen! Nur so bliebe das No-Bail-Out-Prinzip glaubwürdig, dass kein Land je für ein anderes hafte.
Wie unredlich er argumentiert, zeigt sich an einer anderen Stelle. Dort räumt er ein, dass die Deutschen beim Durchsetzen des No-Bail-Out-Prinzips Mitte der 90er Jahre die Banken vergessen hätten. Das Prinzip sei nur glaubwürdig, so Sarrazin, wenn eine Bankenkrise als Folge einer staatlichen Insolvenz ausgeschlossen werden könne. Damit hat er ja so recht! Aber warum plädiert er dann nicht für einen europäischen Bankenrettungsfonds? Stattdessen lautet die Forderung populistisch: Keinen Cent mehr für die Euro-Rettung!
Wo blendet das Buch bewusst Tatsachen aus? Kein anderes großes Industrieland ist derart gut durch die Finanzkrise gekommen wie Deutschland, in keinem anderen befindet sich die Arbeitslosigkeit auf einem 20-Jahrestief. Diese Betrachtung fehlt ganz, genau wie die Frage nach dem Warum? Etwa, weil es den Euro gibt?
Den Tiefpunkt erreicht das Buch indes, wenn Sarrazin mit Statistiken zu belegen versucht, warum der Euro nichts bringt. Er schreibt: "Gemessen am Wohlstandsindikator BIP brachte die Währungsunion für viele Länder schwere Nachteile, für Deutschland hingegen keine Vorteile." Dazu gibt es eine Tabelle, die die Entwicklung des Brutto-Inlandsprodukt pro Kopf in Kaufkraftparitäten abbildet. Der Indikator ist okay. Was aber macht Sarrazin? Er schaut sich an, wie sich dieser Indikator relativ zur EU der 27 Länder für Euroland insgesamt sowie ausgewählte Länder entwickelt hat. Und siehe da: Der Wohlstand in der EU der 27 hat sich zwischen 1998 und 2010 rascher erhöht als fast in jedem anderen Land. Ausnahme: Die Schweiz, Spanien und Griechenland!
Warum? Weil die osteuropäischen Staaten in diesen zwölf Jahren einen enormen Aufholprozess hingelegt haben. Das heißt aber weder, dass der Euro den Wohlstand in den Euroländern gesenkt hat, geschweige denn behindert. Letzteres wird deutlich, wenn man selber rechnet. Dann zeigt dieselbe Tabelle auf Seite 109, dass der Reichtum in Deutschland sich gegenüber der EU in den vergangenen zwölf Jahren um 2,1 Prozent langsamer zugenommen hat, in der Eurozone insgesamt um 4,2 Prozent. Doch auch Länder ohne Euro sind langsamer wohlhabend geworden. Großbritannien etwa hinkt gegenüber dem Wohlstandsanstieg in der EU um fünf Prozent hinterher.
Kurzum: Das Buch leitet in die Irre und liefert Eurofeinden und -skeptikern starke, aber falsche Argumente. Eines tut es indes nicht: Es bricht keine Tabus. Sarrazins Thesen liegen voll im bundesdeutschen Mainstream. Das ist die eigentlich erschütternde Erkenntnis nach 417 Seiten.