Der Boden ist eben, keine Pflastersteine, keine großen Ritzen. An ihm kann es also nicht liegen, dass die Sache etwas seltsam aussieht. Angela Merkel geht über diesen Boden vor dem kanadischen Parlament. Weil sie Kanzlerin ist und auf Staatsbesuch, kann sie nicht einfach zur Tür hinein gehen, sondern muss vorher noch eine Ehrenformation von Soldaten abschreiten - gut 40 Mann in zwei Reihen. Und Merkel kann sich nicht entscheiden: Schreiten? Gehen? Die Schritte so groß wie immer? Kleiner? Oder so groß wie der Soldat mit dem erhobenen Schwert, der sie begleitet? Der aber ziemlich lange Beine hat, längere jedenfalls als die Kanzlerin. Und wohin soll man sehen? Stur geradeaus? Oder den Soldaten ins Gesicht, die da stehen mit ihren roten Jacken und riesigen schwarzhaarigen Bärenfellmützen, eindrucksvoll und auch ein wenig lustig. Schließlich wird ein Staksen daraus und ein wandernder Blick. Vielleicht ist Merkel froh, dass sie nicht loslachen muss. Wahrscheinlich ist sie froh, als sie endlich doch im Parlament verschwinden kann, an ihrer Seite der kanadische Premierminister Stephen Harper.
Es ist so eine Sache mit den Schritten für eine Kanzlerin, ständig werden welche von ihr erwartet. Nicht nur vor bärenfellmützentragenden Soldaten. Große entschiedene Schritte sollen es sein. Der Euro muss gerettet werden, und eigentlich auch mal wieder die schwarz-gelbe Koalition, die sich gerade über Rente und Praxisgebühr zerlegt. Und das von einer Kanzlerin, die zu Anfang ihrer Amtszeit angekündigt hat, sie werde für eine "Politik der kleinen Schritte" stehen. Sie wird die Koalitionskonflikte noch eine Weile laufen lassen, der Euro hat erst einmal Vorrang. Aber erst einmal gab es mit der Kanada-Reise eine sanfte Rückkehr in die Politik, nach drei Wochen Urlaub. Die Beziehungen beider Länder sind gut, die finanzielle Zurückhaltung des reichen Kanada beim Kampf gegen die Euro-Krise gilt derzeit in der Regierung als akzeptiert. "Man muss in dieser turbulenten Welt aufpassen, auch die guten Beziehungen zu pflegen", hat Merkel bei ihrem Besuch mehrfach betont. Öfters hat sie nur erwähnt, dass Kanada ja 30 mal so groß ist wie Deutschland.
Beziehungen pflegen also. Merkel ließ sich an einer Universität die chemischen Fähigkeiten von Plankton erklären. Harper lud Merkel in sein Landhaus an einem See nahe der Hauptstadt, nach dem Aperitif am Bootssteg gab es Hirschsteak. Und schöne, fast romantische Fotos, Merkel und Harper im Wald und am See. Irgendwann hat Harper Merkel sogar die Hand auf den Rücken gelegt. Ein bisschen Wärme, bevor es wieder los geht. Beim Berlin-Besuch des neuen französischen Präsidenten François Hollande und des griechischen Premiers Antonis Samaras kommende Woche dürfte nicht viel sein mit Romantik.
Es war ja aber auch ein Konservativer, zu dem sich Merkel da gesellt hatte, und was für einer. Haper hat sich geschworen, das liberale Kanada deutlich zu verändern und hat dafür das Waffengesetz gelockert und das Klimaschutz-Abkommen von Kyoto gekündigt. Ein Befürworter der Todesstrafe in Brave-Jungs-Optik. Einer mit einem sehr eigenen Kopf. Das mit dem eigenen Kopf dürfte Merkel interessant finden. Genauso wie die Tatsache, dass Harper bei der letzten Wahl entgegen aller Umfragen eine absolute Mehrheit erringen konnte. Es ist ja nur noch ein gutes Jahr bis zur Bundestagswahl.
Allerdings hat Harper eine ungewöhnliche Möglichkeit: Er kann das Parlament zwischendurch einfach mal in den Urlaub schicken, wenn die Sachen nicht so rund laufen. Merkel muss ihre Schritte dann erklären.