Rentner ruhen sich auf einer Parkbank auf. (FOTO: DPA)
In weiten Teilen ist das vom Innenministerium jetzt erarbeitete Papier eine Zusammenstellung bekannter Effekte. dpa gibt einen Überblick über die Problemfelder.
Wie wirkt sich die Demografie auf die Zahl der Erwerbsfähigen aus?
Bis zum Jahr 2030 wird sich der Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland weiter deutlich verändern. Nach offiziellen Angaben gibt es derzeit 49,8 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter von 20 bis 64 Jahren. Bis zum Jahr 2030 wird deren Zahl nach Vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes um 6,3 Millionen sinken. Gründe dafür sind die niedrige Geburtenrate in Deutschland und das Ausscheiden der «Babyboomer»-Generation aus dem Berufsleben. Sie hinterlassen eine Lücke, die durch die geburtenschwachen Jahrgänge nicht auszugleichen ist - selbst wenn, wie die Statistiker unterstellen, unterm Strich jedes Jahr 200 000 Zuwanderer nach Deutschland kommen.
Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt?
Es ist davon auszugehen, dass die schrumpfende Bevölkerungs- und Erwerbsfähigenzahl auch die Arbeitslosigkeit zurückgehen lässt. Mit Prognosen halten sich die Experten aber zurück, da die langfristige Wirtschaftsentwicklung von zu vielen Unwägbarkeiten abhängt. Derzeit sind rund drei Millionen Menschen in Deutschland ohne Job. Sollte die Arbeitslosigkeit weiter zurückgehen, dürfte auch der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung - derzeit 3,0 Prozent - sinken. Nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen wird die durchschnittliche Arbeitslosenzahl aufgrund der guten Konjunktur von 2,79 Millionen (2012) auf 2,62 Millionen 2013 zurückgehen.
Welche Rolle spielen die Frauen?
Ob der Bedarf der Wirtschaft an Fachkräften auf lange Sicht gesichert werden kann, hängt auch davon ab, ob und wie schnell die «Stille Reserve» von sechs Millionen nicht berufstätiger, häufig aber gut ausgebildeter Frauen in den Arbeitsmarkt integriert werden kann. Dazu müssen sich Staat und Wirtschaft innovative Gedanken machen, wie sich Familie und Beruf besser vereinbaren lassen.
Wie wirkt sich die Demografie auf die Rente aus?
Kamen vor 20 Jahren noch vier Erwerbsfähige auf einen Rentner, so wird sich das Verhältnis bis zum Jahr 2030 voraussichtlich auf 2:1 verschlechtern. Weil die Lebenserwartung steigt, bekommen die Menschen auch immer länger Rente. 1970 waren es durchschnittlich 11,1 Jahre Rente, 2010 bereits 18,4 Jahre (Westdeutschland).
Was hat die Rente mit 67 damit zu tun?
Sie soll nicht nur zur Sicherung von Wirtschaftswachstum und Wohlstand die Beitragszahler in einer alternden Gesellschaft entlasten, sondern auch dem sich abzeichnenden Arbeitskräftemangel entgegenwirken: Indem sie dafür sorgt, dass Beschäftigte langfristig bis zu zwei Jahre länger arbeiten.
Wie will die Koalition gegen den Fachkräftemangel angehen?
Die Koalitionsspitze beschloss im vergangenen Herbst, die Hürden für die Zuwanderung hoch qualifizierter Fachkräften zu senken. Diese müssen bei einer Beschäftigung in Deutschland künftig zum Beispiel nur noch ein Einkommen von 48 000 Euro jährlich nachweisen und nicht mehr 66 000 Euro. Die Zuwanderer dürfen aber nur bleiben, wenn sie drei Jahre lang keine Sozialhilfe in Anspruch nehmen.
Welche demografische Herausforderung gibt es bei der Altenpflege?
Die Zahl der Pflegebedürftigen könnte bis 2030 von 2,3 auf 3,4 Millionen steigen. 2050 könnte es laut Statistischem Bundesamt sogar 4,5 Millionen Pflegebedürftige geben. Hauptgrund ist die höhere Lebenserwartung. Hochbetagte dominieren zunehmend unter den Betroffenen. Fast zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden 2030 mindestens 80 Jahre alt sein. 2007 gehörte nur gut jeder Zweite auf Pflege angewiesene Mensch dieser Altersgruppe an. Demenz greift dabei immer mehr um sich. Derzeit wird mehr als jeder dritte Bundesbürger im Laufe seines Lebens dement, bei den Frauen sogar jede zweite. Die Zahl von 1,2 Millionen Demenzkranken wird sich laut Pflegereport der Barmer-GEK bis 2060 mit 2,5 Millionen mehr als verdoppeln.
Welche Probleme in der Pflege müssen gelöst werden?
Mehr Heime werden wohl nötig und mehr Pflegekräfte. Pro Monat braucht ein Demenzkranker im Schnitt gut 500 Euro mehr von den Pflege- und 300 Euro mehr von den Krankenkassen als ein durchschnittlicher Versicherter, meint der renommierte Pflegeexperte Heinz Rothgang. Das sind rund 10 000 Euro im Jahr. Wer soll das also bezahlen? Rechnet man die steigende Zahl der Dementen hoch, kommt man längerfristig auf einen zweistelligen Milliardenbetrag, der zusätzlich nötig sein könnte. Noch nicht einmal eingerechnet sind Mehrkosten für eine seit längerem geforderte und nun von der Bundesregierung auch angekündigte bessere Betreuung für Altersverwirrte.
Was bedeutet die zunehmende Zahl Älterer für die Krankenversicherung?
Alle Experten sind sich einig, dass die Gesundheitskosten weiter steigen. Das ist der Hintergrund, vor dem sich auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) seit Jahren intensiv mit dem Thema auseinandersetzt. Die Teilhabe aller am medizinischen Fortschritt werde nicht billiger, betont sie so oder ähnlich immer wieder. Denn es gibt immer mehr Ältere, die von einer immer hochspezialisierteren Medizin betreut werden können. Dabei gibt es immer weniger Beitragszahler in Deutschland, die mit ihren Anteilen vom Arbeitseinkommen für die Finanzierung der steigenden Versicherungskosten aufkommen.
Wie entwickeln sich die Gesundheitskosten?
Die Kosten im Gesundheitswesen insgesamt steigen immer weiter. Sie gehen auf die 300 Milliarden Euro im Jahr zu. Das Rekordergebnis von rund 287 Milliarden Euro 2010, der jüngsten statistischen Auswertung, fügt sich nahtlos in die Entwicklung der vergangenen Jahre, ja Jahrzehnte. Alle Anstrengungen, die Kosten zu dämpfen, haben angesichts dieser Entwicklungen bisher nur vorläufige Wirkung - sei es im Arzneimittelbereich, sei es bei Arzt und Kliniken. Langfristig geht es darum, ob Patienten mehr aus eigener Tasche zahlen sollen oder die Beiträge auch auf Einkünfte aus selbstständiger Arbeit, auf Kapitaleinkünfte oder Mieten erhoben werden - und, ob die oft nicht effizienten Strukturen im Gesundheitswesen schlanker werden.