Die Linke: Gregor Gysi wird ins Spiel gebracht

14.05.2012 11:25 Uhr | Aktualisiert 14.05.2012 21:46 Uhr
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Klaus Ernst und Gregor Gysi

Klaus Ernst, der Vorsitzende der Partei «Die Linke», steht neben Gregor Gysi, dem Vorsitzenden der Bundestags-Fraktion. (ARCHIVFOTO: DPA)

Von Markus Decker und Thomas Rogalla
Der thüringische Linksparteivorsitzende Knut Korschewsky hat Linksfraktionschef Gregor Gysi als neuen Vorsitzenden der Linkspartei ins Spiel gebracht, sollte sich die Partei nicht auf einen Kandidaten einigen können.
Berlin/MZ. 

Ein führendes Mitglied der Linkspartei brachte die Situation am Montagmittag auf einen einfachen Nenner. „Es könnte der Punkt kommen, an dem die Ossis sagen: Es reicht.“ Wo sie sich also von der Gesamtpartei abspalten würden und wieder das entstünde, was es bereits gab: die PDS (die freilich nicht noch einmal so heißen müsste). Tatsache ist: Seit Sonntag, 18 Uhr, seit Schließung der Wahllokale in Nordrhein-Westfalen, rasen zwei Züge ungebremst aufeinander zu. Dass es zum Crash kommt, ist nicht zwingend, wird aber stetig wahrscheinlicher.

Der bis 2010 amtierende Parteivorsitzende Oskar Lafontaine erklärte am Montag erstmals offiziell seine Bereitschaft, den Vorsitz der wesentlich von ihm geschaffenen Partei erneut zu übernehmen. Der 68-Jährige fügte jedoch hinzu: „Die Arbeitsbedingungen müssen stimmen.“ Ausschlaggebend sei, wie die künftige Führungsmannschaft zusammengesetzt werde. Der Napoleon von der Saar mit dem Rückhalt der meisten West-Verbände will offenbar keine störenden Elemente aus dem Reformerlager um Fraktionsvize Dietmar Bartsch, hinter dem die Ost-Landesverbände fast geschlossen stehen. Der 54-Jährige wiederum erklärte, unter Lafontaine zu arbeiten, „kann ich mir nicht vorstellen“.

Die Hintersassen äußern sich ähnlich unversöhnlich. Der Rechtspolitiker Wolfgang Neskovic ließ per Pressemitteilung wissen: „Dietmar Bartsch als Parteivorsitzender wäre der Sargnagel für eine gesamtdeutschen Linke.“ Er sei für den aktuellen Zustand der Partei mit verantwortlich. Der Berliner Landesvorsitzende Klaus Lederer kritisierte Lafontaine. „Mit einer Heilsbringerfigur an der Spitze bekommt die Linkspartei nichts geregelt“, sagte er der MZ.

Es gehe nicht an, dass Lafontaine „innerparteiliche Tarifverhandlungen“ für seine Kandidatur führen wolle, dass er „Bedingungen stellt und Gefolgschaft erwartet. Solche Erpressungsmanöver gehen nicht.“ Die Partei brauche ein offenes Diskussionsklima, um Wege aus der derzeitigen Situation zu finden, mahnte Lederer. „Denn die Wähler merken, wenn wir in der Partei nicht miteinander können, und trauen uns dann nicht zu, dass wir wichtige gesellschaftliche Fragen lösen.“ Sachsen-Anhalts Landeschef Matthias Höhn arbeitete unterdessen an einem Kompromiss. Er schwieg beredt. Wie bis zum Parteitag am 2. und 3. Juni in Göttingen für alle Beteiligten verträgliche Auswege aus der Krise gefunden werden sollen, scheint unklarer denn je.

Der amtierende Parteivorsitzende Klaus Ernst warb am Montag für Lafontaine und zog sich selbst aus dem Rennen einstweilen zurück. „Lafos“ Fähigkeiten seien überragend, befand der loyale Bayer, den Lafontaine vor zwei Jahren erst zu dem machte, was er ist. Eine Lösung im Streit zwischen den Reformern und den radikaleren Kräften könnte nun theoretisch weiter darin bestehen, dass die stellvertretende Partei- und Fraktionschefin Sahra Wagenknecht antritt und mit Bartsch ein Team bildet. Doch nichts deutet daraufhin, dass Wagenknecht mit einem Mann gemeinsame Sache macht, den ihr Lebensgefährte partout nicht ausstehen kann.

Angesichts dieser Misere sagte Thüringens Landesvorsitzender Knut Korschewsky der MZ: „Es gibt neben Oskar Lafontaine und Dietmar Bartsch noch Gregor Gysi, der durchaus in der Lage wäre, die Partei in die nächste Bundestagswahl zu führen – auch als Parteivorsitzender. Das ist für mich eine Variante, die ich nicht ausschließe, um die Partei nach vorne zu bringen, wenn ansonsten keine kooperative Führung zustande kommt.“ Ob der Linksfraktionschef, dessen Verhältnis zu Lafontaine angeblich schon mal besser war, das machen würde, ist offen. Immerhin könnten sich Ost- wie West-Linke hinter Gysi versammeln. Er ist eine der letzten Integrationsfiguren, die die Linke überhaupt noch hat.

Am Montag tagten der Geschäftsführende Parteivorstand und dann die Landesvorsitzenden, um die Partei zu retten. Heute treffen beide Gremien aufeinander. Lafontaine wird dazukommen und will um 18 Uhr eine Pressekonferenz geben. Danach könnte es auf dem Hof des Karl-Liebknecht-Hauses dieselben verzweifelten Gesichter geben, wie sie auch am Tag zuvor zu besichtigen waren.