Oskar Lafontaine (l), Dietmar Bartsch (M) und Klaus Ernst (r) stoßen an. Lafontaine will möglicherweise wieder Chef der Linken werden. Doch auch Bartsch hält an seiner Kandidatur fest. (FOTO: DPA)
Im ersten Stock des Café Dressler Unter den Linden gibt es ein paar Séparées, die von Politikern und Journalisten gern für Hintergrundgespräche genutzt werden. Die Atmosphäre war also angenehm. Auch hat, wie man hört, hinterher kein Notarztwagen vorfahren müssen. Das ist für die Linke in diesen Tagen schon mal was. Nur: Ein Ergebnis hat es nicht gegeben. Bartsch sagte hinterher, der Konflikt werde nun auf dem Parteitag Anfang Juni in Göttingen entschieden - durch die Delegierten. Wobei die Ost-Delegierten knapp in der Überzahl sind.
Nun hätte man denken können, dass am Montag ein bisschen Ruhe einkehrt. Doch davon kann keine Rede sein. Wenn man viel zu tun hat mit der Linken, hat man eher den Eindruck: Die Partei steht kurz vor der Explosion. Am Vormittag meldete sich Fraktionschef Gregor Gysi zu Wort. Er sagt, da Lafontaine seinem Kontrahenten nicht das Amt des Bundesgeschäftsführers angeboten habe, „entfiel für Dietmar Bartsch die Überlegung, seine Kandidatur als Parteivorsitzender zurückzuziehen“. Niemand könne es dem 54-Jährigen jetzt verübeln, „seine Kandidatur aufrecht zu erhalten“. Ohnehin fiel auf, dass Gysi an dem Krisentreffen am Sonntagabend nicht beteiligt war. Aus all dem wiederum lässt sich bloß ein Schluss ziehen: dass zwischen den einstigen Gefährten Gysi und Lafontaine der Ofen ziemlich aus ist und Gysi sich im Zweifel auf die Seite der ostdeutschen Landesverbände schlägt, die mehrheitlich für Bartsch plädieren.
Der Mann, der eigentlich integrieren müsste, weigert sich derweil, diese Aufgabe wahrzunehmen. Klaus Ernst vertrat gestern vielmehr erneut einzig und allein Lafontaines Position. Wörtlich sagte er: „Wenn sich die destruktiven Kräfte durchsetzen, wird die Linke schwächer sein, als es die PDS je war.“ Die destruktiven Kräfte sind für Ernst jene, die Lafontaine nicht wollen, zumindest nicht als Vorsitzenden, und die damit aus seiner Sicht der Partei schaden. Die Ostleute haben ihn sowieso schon lange „gefressen“. 2011 kam es zum Eklat, weil Ernst den Sachsen Michael Leutert anraunte, dessen Lebensleistung reiche nicht aus, um ihm zu widersprechen.
Damit aber nicht genug. Der Vorsitzende fuhr gestern fort, der Saarländer werde weiterhin nur dann antreten, wenn Bartsch verzichte. Und allein als Vorsitzender stehe er 2013 auch als Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl zur Verfügung. Ernst findet beides völlig in Ordnung. „Nicht nachvollziehen“ kann er hingegen Gysis Erklärung. Das konnten ihrerseits die Journalisten nicht nachvollziehen, deren Zahl im Karl-Liebknecht-Haus derzeit von Woche zu Woche wächst. Neu ist auch, dass Mitarbeiter der Parteizentrale mittlerweile mit dem Kopf schütteln, während ihr Chef Pressekonferenzen gibt. Dazu passt schließlich, dass der Ton zwischen Ernst und diesen 75 Mitarbeitern rauer wird. Vorige Woche Dienstag dauerte die Personalversammlung, die im Schnitt einmal monatlich stattfindet, doppelt so lang wie üblich. Die Angestellten hatten das Gefühl, der Vorsitzende vergreife sich im Ton. Er signalisierte ihnen nämlich, dass es neben dem Schicksal der Partei ganz konkret um ihre Arbeitsplätze gehe und dass sie diese Arbeitsplätze, so berichten Ohrenzeugen, vor allem Oskar Lafontaine zu verdanken hätten.
Derselbe Ernst schloss gestern übrigens nicht aus, abermals selbst für den Parteivorsitz zu kandideren - das allerdings nur, wenn Lafontaine zurückzieht. Doch das nur nebenbei. Wie unter diesen Umständen beim Parteitag die Wahl eines Parteivorstandes und eine darauf folgende gedeihliche Zusammenarbeit gelingen soll, ist vollkommen schleierhaft. Die Linke gleicht derzeit eher einem langjährig zerstrittenen Ehepaar, das sich nicht mehr einig darüber wird, ob es draußen regnet oder nicht. In der Regel ist bei solchen Paaren spätestens nach der Paartherapie Schluss.