Die Linken-Frauen Katja Kipping (l.) und Katharina Schwabedissen wollen kandidieren. (FOTO: DPA)
Wulf Gallert ist kein Mann, der sich leicht aus der Ruhe bringen lässt. Während Thüringens Fraktionschef Bodo Ramelow am Dienstagabend vorsichtig von Bundestagsfraktionsvize Dietmar Bartsch abgerückt war und ihm - wenn auch sehr verklausuliert - einen Verzicht auf die Kandidatur für den Parteivorsitz nahe gelegt hatte, betonte der Vorsitzende im Landtag von Sachsen-Anhalt: „Ich bin nach wie vor dafür, dass er seine Kandidatur aufrechterhält.“ Es sei jedenfalls „Quatsch zu sagen, er müsse jetzt zurückziehen, weil Oskar Lafontaine auch zurückgezogen hat. Ich bleibe sein Unterstützer.“ Bartsch liefere „eine klare Problemanalyse. Und er möchte eine kooperative Führung.“ Dies und seine Management-Erfahrung als Bundesgeschäftsführer qualifizierten ihn unverändert für das Amt.
Eine Antwort auf die Frage, wie es weiter geht mit der Linken, ist das aber nicht. Nach dem Rückzug von Ex-Parteichef Lafontaine, der dem Unmut der ostdeutschen Reformer nachgegeben hatte, ist die Lage kaum übersichtlicher geworden. Es ist nur Druck entwichen.
Am Mittwoch um 12 Uhr traten die stellvertretende Parteivorsitzende Katja Kipping und die bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl gescheiterte Spitzenkandidatin Katharina Schwabedissen im Central-Hotel Kaiserhof in Hannover auf und gaben ihre gemeinsame Kandidatur bekannt.
Die studierte Slawistin Kipping, 1978 in Dresden geboren, wurde mit 20 Jahren Mitglied der PDS. Fünf Jahre später war sie bereits Vizeparteichefin. Kipping saß im Dresdner Stadtrat und im sächsischen Landtag. 2005 bezog sie dann ihr Büro in der Nähe des Reichstags. Die Sächsin ist Sprecherin des Netzwerks Grundeinkommen, wirkt federführend an der Zeitschrift „Prager Frühling“ mit und ist frauenpolitisch engagiert. Kipping ist nicht an parteiinternen Lagerkämpfen interessiert. Sie will sachlich arbeiten und ist experimentierfreudig. Dabei geht ihr ein gewisses Machtbewusstsein nicht ab, was manch männliche Kollegen giften lässt, sie verfolge „eigene Interessen“.
Schwabedissen hat ein ähnliches Temperament. Die 39-Jährige wuchs in einem Pastorenhaushalt auf, lernte Krankenschwester und studierte später Philosophie und Geschichte. Die Hauptantriebsfeder ihres politischen Engagements ist der Ärger über soziale Ungleichheiten im Land. Auch das eint sie mit der Kollegin Kipping. Schwabedissen gilt als umgänglich, ausgleichend und humorvoll. Viele, die mit ihr zu tun haben, sagen, es mache Spaß, mit der gebürtigen Bielefelderin zu arbeiten. Sogar in Stefan Raabs TV Total sei sie „super rübergekommen“, schwärmt die Parlamentarierin Petra Sitte. Eine weitere Gemeinsamkeit verbindet die rothaarigen Frauen: Sie stehen im Zentrum der Partei.
Dennoch wird die Doppelkandidatur mit Skepsis betrachtet. Schwabedissens Linke hat die NRW-Wahl derart vergeigt, dass sie in jeder anderen Partei als Vorsitzende nicht in Betracht käme – auch wenn die Niederlage stark bundespolitisch beeinflusst war. Zweifel nährt zudem die private Situation der Frauen. Am Montag ließ Kipping wissen, sie könne als Mutter den Vorsitz allenfalls „in Teilzeit“ ausüben. Schwabedissen möchte nicht nach Berlin ziehen, sondern mit ihren Söhnen im westfälischen Witten bleiben. Wie sie dann die Parteizentrale in der knapp 500 Kilometer entfernten Hauptstadt stärken will, ist unklar. Das Duo bedürfte also eines starken Bundesgeschäftsführers. Der könnte Dietmar Bartsch heißen. Bloß wäre der Geschäftsführer dann faktisch Vorsitzender.
Zwei Effekte hätte die Ost-West-Doppelspitze indes ganz sicher. Der aktuelle Hauptkonkurrent der Linken, die Piraten, käme in Nöte. Sie sind für weibliche Wähler kaum attraktiv. Auch setzen Kipping und Schwabedissen Vize-Parteichefin Sahra Wagenknecht unter Zugzwang. Sie war bisher der Star unter den linken Frauen. Es kommt daher nicht überraschend, dass der amtierende Parteivorsitzende Klaus Ernst die 42-Jährige am Mittwoch zur Wahl vorschlug. Auch Vizeparteichef Heinz Bierbaum betonte gegenüber der MZ: „Das ist eine Überlegung, die sinnvoll ist. Man muss mit ihr nochmal näher sprechen. Bisher hat sie sich meines Erachtens noch nicht entschieden.“ Der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko tat kund: „Ich würde ihre Kandidatur begrüßen. Sahra Wagenknecht kann in der Euro-Krise finanzpolitisch Pflöcke einschlagen.“ Wagenknecht schließt eine Kandidatur nicht mehr aus.
Ungeachtet dessen gehen die Debatten munter weiter. Fraktionsvize Ulrich Maurer erklärte: „Es ist an der Zeit, wenn die Linke überhaupt noch eine Chance haben will, dass sie jünger wird, dass sie weiblich wird und dass die Böcke sich vom Acker machen.“ Das richtet sich gegen Bartsch. Die Linke in Rheinland-Pfalz warnt vor einer Dominanz des Ostens. Die Zukunft der Partei in den westdeutschen Ländern „hängt ganz davon ab, was wir jetzt am 2. und 3. Juni für einen Parteivorstand wählen“, sagte die Landesvorsitzende Elke Theisinger-Hinkel. Es ist, als hätten sich PDS und WASG nie vereinigt.
Die Entscheidung wird auf dem Parteitag in Göttingen fallen. Der Osten stellt dort 272 Delegierte, der Westen 228. Hinzu kommen die 50 Delegierten der Strömungen und 20 der Parteijugend Solid. Diese 70 könnten den Ausschlag geben.