Eines der bekanntesten Motive aus Uwe Gerigs Sammlung von Bilddokumenten von der deutsch-deutschen Grenze: «Wer mauert, hat's nötig» hat ein Sprayer auf die Westseite des antifaschistischen Schutzwalls gemalt. (FOTO: UWE GERIG)
An einem historischen Datum sah er die Grenze zum letzten Mal. Und er wusste von nichts. An jenem 3. Oktober saß Uwe Gerig, geboren in Harzgerode, direkt hinter dem Piloten, in Flugrichtung links. Auf dem Kopf trägt er einen schweren Helm, auf dem Schoß hat er seine Kamera. Von Frankfurt am Main geht es zu Camp Point Alpha, direkt an der innerdeutschen Grenze. Der Helikopter parkt auf einer kleinen Waldlichtung, die ringsum von einem hohen Metallzaun umgeben ist. "Zwei Militärpolizisten führten uns direkt zur border line", erinnert sich Gerig. Nach 150 Metern Fußweg steht der Mann, der aus dem Osten kam, wieder einmal an der Grenze, die seine beiden Lebenshälften trennt. "Der Metallzaun der Amerikaner verlief dort nur zehn Meter entfernt vom Metallzaun der anderen Seite", beschreibt er, "und auf der anderen Seite waren plötzlich zwei Dutzend Uniformierte, die aufgeregt in Feldtelefone sprachen."
Es wird fotografiert. Doch niemand spricht. Beide Seiten bleiben gespenstisch stumm, bis einer der US-Piloten zum Aufbruch drängt. Der Flug führt nun nach Norden. "Die Sperranlagen standen auf der rechten Seite, ungefähr fünfhundert Meter entfernt." Bis zum Horizont habe sich die breite Schneise ausgedehnt, "eine Zerstörung der Mittelgebirgslandschaft von gigantischem Ausmaß."
Aber nicht nur deshalb eine Grenze, die den bekannten Reporter der DDR-Illustrierten NBI nie losgelassen hat. Fünf Jahre zuvor erst war Gerig aus der DDR geflohen. Nicht, weil es ihm schlecht ging. Nicht, weil er nicht reisen durfte. Nein, so klein war sie gar nicht, die DDR des heute 70-jährigen Fotografen, den die Stasi in einer umfänglichen Akte einfach "Reporter" nannte. In seinen besten Tagen hatte Uwe Gerig beinahe Reisefreiheit. Für die NBI fährt der Mann aus dem Harz kreuz und quer durch die Arbeiter- und Bauernrepublik, obwohl seine Karriere gerade noch für alle Zeiten gescheitert schien. Als junger Mitarbeiter beim Erfurter SED-Blatt hatte er einen verstorbenen teuren SED-Genossen spöttisch "Rumpelstilzchen" genannt: Es folgt der sofortige Rausschmiss, es folgt ein unausgesprochenes Berufsverbot.
Doch in der DDR funktioniert nicht nur die Planwirtschaft nicht nach Plan, sondern manchmal auch das Vorgehen gegen echte oder vermeintliche Staatsfeinde. Für Gerig wird der Todesstoß zum Glücksfall. Statt in Thüringen zu versauern, gelingt es ihm, als freier Journalist für die angesehene NBI zu arbeiten. Gerig kommt herum, Gerig hat Kontakte, er verdient viel Geld, kann sich eine schöne Wohnung und schicke Autos leisten und er hat beim staatlichen Reisebüro sogar ein Abo auf die tollsten Auslandsreisen. Bis nach Ägypten, Korea, Vietnam, Kuba und in die Mongolei fährt er - und das sogar mehr als einmal gemeinsam mit seiner Frau.
Nur raus kommt er nicht, und das wird ihm immer schmerzlicher bewusst. Längst empfindet Uwe Gerig das System in der DDR als verlogen. Zu oft hat er erlebt, wie Bilder zu viel Wirklichkeit zeigen, um gedruckt zu werden. Zu klar ist ihm nach vielen Besuchen in volkseigenen Betrieben die Kluft zwischen dem Anspruch der DDR, quasi das Morgen schon im Heute zu sein, wie es die Gruppe Renft besingt. Und der Realität, in der auf Maschinen von vorgestern versucht wird, alles so hinzubiegen, dass es wenigstens heute noch mal bis Feierabend funktioniert. Uwe Gerig hat nichts auszustehen im Arbeiter- und Bauernstaat. Aber er will "nicht mehr mitschuldig werden", sagt er. Immer lauter wird das Grummeln im Magen darüber, dass er nicht die Wahrheit schreiben kann, sondern den Sozialismus in den Farben der DDR erstrahlen lassen muss. Mit seiner Frau Ruth führt Uwe Gerig ein richtiges Leben im falschen, wie so viele: Im Fernsehen laufen nur noch Westsender, aber von fern betrachtet sind beide gute DDR-Bürger.
Das gehört zu dem frechen Plan, den Gerig fasst, als die Staatssicherheit erst ihn und dann seine Frau zur informellen Mitarbeit überreden will. Mit Anfang 40, so rechnet er, ist gerade noch Zeit, im Westen neu anzufangen. Und um dorthin zu kommen, muss nach außen hin alles bleiben, wie es ist. Die Gerigs fallen nicht auf und sie mucken nicht auf. Insgeheim aber beginnen sie, Bücher, Teile von Uwe Gerigs riesigem Fotoarchiv und persönliche Gegenstände mit der Post in den Westen zu schicken. Man habe beschlossen, dass der Stasi später "nichts Persönliches in die Hände fallen" solle, erinnert sich Gerig später. Und wie anders sollte man das umsetzen?
Der Preis dafür ist ein Jahr in ständiger Furcht vor der Entdeckung. Bekommen Mielkes Männer auch nur einen Brief in die Hände, fliegt der Fluchtplan auf. Denn der setzt voraus, dass dem Ehepaar noch einmal eine Reise nach Jugoslawien genehmigt wird. Wochen- und monatelang bangt das zur Flucht entschlossene Paar, bis grünes Licht kommt. In Jugoslawien dann müssen beide sich von der Reisegruppe absetzen, und versuchen, die westdeutsche Botschaft zu erreichen, ehe ihr Fehlen bemerkt wird.
Auch das klappt, wenn auch mit knapper Not, und am 20. Oktober 1983 steht Uwe Gerig auf westdeutschem Boden. Er hat alles gewagt - und alles gewonnen.
Allerdings lässt ihn die DDR nicht los. Im Westen, wo sich Mitte der 80er Jahre kaum noch jemand für das Schicksal der Menschen auf der anderen Seite der Mauer interessiert, trommelt der Ostler unermüdlich für den Osten. "Die Teilung würde, so dachte ich damals, zu unseren Lebzeiten nie aufgehoben werden", erklärt Gerig, "deshalb sollten wenigstens die privaten Beziehungen bestehen bleiben". Aus den Bildern, die er aus der DDR mitgebracht hat, macht er Bücher, die die Realität des real existierenden Sozialismus zeigen. Im Auftrag des Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen fotografiert er zwischen 1984 und 1987 nahezu lückenlos die gesamte deutsch-deutsche Grenze. Und er organisiert Ausstellungen und wirbt für Besuche in der DDR, "um den Kontakt nicht abreißen zu lassen".
Uwe Gerig ist raus aus der DDR, aber die DDR steckt noch tief in ihm drin. Auch die Stasi vergisst ihn nicht. Sie trägt ihm nach, so hereingelegt worden zu sein. Bis zum Ende der DDR nimmt sie die "Zielperson" Uwe Gerig nicht aus der sogenannten Fahndungskartei, gelegentlich schauen Agenten sogar persönlich nach ihm. Ganz so, wie Uwe Gerig jede Gelegenheit nutzt, nach der furchterregenden Grenze zu sehen.
Wie an jenem 3. Oktober. "Wir überflogen die Werra in geringer Höhe, dann stand der Helikopter in der Luft und ein Grenzturm vor uns weniger als fünfzig Meter entfernt", erinnert er sich an ein Manöver des US-Piloten, der "metergenau darauf geachtet" habe, die innerdeutsche Grenze nicht zu überfliegen. Wenig später landet die Maschine an der Werra, deren Flussmitte die Grenze markiert. "Das jenseitige Ufer und die historische Brücke zur Rechten waren zugebaut mit Stahlgitterzäunen, Sichtblenden und Betonplatten", beschreibt Gerig, dessen Bilderschatz heute in der Fotothek der Sächsischen Landesbibliothek liegt. "Von einem der Wachtürme blickten zwei Soldaten durch ihre Ferngläser." Es ist der 3. Oktober 1988. Auf den Tag genau zwei Jahre später wird die Deutsche Einheit gefeiert werden. Und Uwe Gerig zieht zurück nach Hause.
Uwe Gerig, Böse Nachrufe: Trauma Deutsche Mauer 1961-1989, BoD, 138 Seiten, 19 Euro