Polens Ex-Präsident Lech Walesa testet den EM-Rasen in Danzig. (FOTO: DPA)
In Polen wächst der Unmut über die deutschen Reaktionen im Fall Julia Timoschenko. "Aufrufe zum Boykott der Fußball-Europameisterschaft sind absolut unangemessen und entsprechen nicht der realen Situation in der Ukraine", sagte Präsident Bronislaw Komorowski in einem Fernsehinterview und fügte hinzu: "Ich beobachte die Versuche, uns dieses Fest zu verderben, mit größter Sorge. Es besteht das Risiko, dass unser eigener Einsatz zunichte gemacht wird. Wir möchten zeigen, was wir in 20 Jahren der Freiheit erreicht haben." Polen richtet die EM gemeinsam mit der Ukraine aus.
Der Präsident äußerte sich am Vorabend des Verfassungstages. Am 3. Mai erinnert Polen an seine jahrhundertealten demokratischen Traditionen. Komorowski knüpfte daran an: "In vielen Ländern, auch in alten Demokratien, sind Staats- und Regierungschefs wegen Verfehlungen verurteilt worden, ohne dass dies irgendwo zu einem Boykott von Großveranstaltungen geführt hätte." Damit stellte sich der Präsident offen gegen die Einschätzung der EU, die in dem Schuldspruch gegen Timoschenko einen Akt der Rachejustiz sieht.
Komorowski mahnte die Partnerländer im Westen zu Fairplay. Wer wenige Wochen vor dem EM-Eröffnungsspiel am 8. Juni in Warschau eine Verlegung der Spiele vorschlage, begehe ein grobes Foul. Die Einlassung des Präsidenten ist nicht die erste harsche Reaktion in Polen auf die Boykottaufrufe in westlichen Ländern, insbesondere in Deutschland. Einzig und allein der nationalkonservative Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski nutzte die Situation zu einer innenpolitisch motivierten Attacke und schloss sich den Boykottforderungen an. Der Druck auf die Ukraine müsse verstärkt werden, mahnte er gestern und zielte damit auf Komorowski. Der Präsident dagegen betonte, dass Polen wiederholt versucht habe, im Fall Timoschenko auf den ukrainischen Staatschef Viktor Janukowitsch einzuwirken. "Ich habe ihm gesagt, dass er den strategischen Interessen der Ukraine schadet. Heute sehen wir, dass genau dies passiert."
In den Fokus der polnischen Kritik gerät dabei zunehmend die harte deutsche Position. Die konservative Zeitung "Rzeczpospolita" kommentierte: "Die Sorge der Berliner Politiker um die Menschenrechte in der Ukraine ist rührend. Timoschenko ist nicht seit gestern im Gefängnis. Vielleicht hätte man Alarm schlagen sollen, als Siemens und andere deutsche Firmen Aufträge für die EM bekommen haben? Die Sportgeschichte hat viel schlimmere Gastgeber erlebt, und es gab wenige Politiker, die den Mut aufgebracht haben, diese anzugreifen. Mussolini, Hitler, die argentinische Junta und die chinesischen Kommunisten haben Fußballmeisterschaften und Olympische Spiele ausgetragen. Die Ukraine in diese Reihe zu stellen, ist Beweis für ein kurzes Gedächtnis und für Taktlosigkeit."
Der dezente Hinweis auf die Nazi-Vergangenheit kommt nicht von ungefähr. Immer wieder ist in diesen Tagen in Polen der leise Vorwurf zu hören, die deutsche Politik schlage auf die Ukraine ein und treffe einmal mehr Polen. Das Land verbindet große politische und vor allem ökonomische Hoffnungen mit der EM. Die Organisatoren erwarten rund eine Million Fußball-Touristen.
Um die Besucher angemessen empfangen zu können, wurden Autobahnen aus dem Boden gestampft, Flughäfen und Bahnstrecken saniert, Hotels hergerichtet und vier hoch moderne Stadien gebaut. All das soll dem Land nachhaltiges Wachstum bescheren, zumal die marode Infrastruktur den "großen Sprung nach vorn" sehr gut gebrauchen konnte.