Ikea ließ in der DDR produzieren. (FOTO: DPA)
Für Steffen Alisch ist die Sache klar. Einerseits sei der Fall Ikea nicht wirklich neu, sagt der Mann vom Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin. Andererseits müsse man "noch viel stärker thematisieren, wie stark Häftlinge in der DDR ausgebeutet wurden". Letzteres ist bis heute nicht wirklich geschehen.
Menschen mit einem guten politischen Gedächtnis wissen, dass viele kapitalistische West-Konzerne in der sozialistischen DDR haben fertigen lassen - auch in deren Knästen, in denen zahlreiche politische Gefangene saßen. Das schwedische Fernsehen berichtete gestern Abend ausführlich über den Fall Ikea, das Sofas und Regale an angeblich 65 DDR-Standorten bauen ließ. Schon 1984 dementierte Ikea-Gründer Ingvar Kamprad jedoch Gerüchte, wonach Ikea informiert war. "Nur einmal stießen unsere Kontrolleure auf einen Fabrikanten, der Gefangene ausnützte", sagte er. "Das war ein Lampenhersteller in Halle, und da hoben wir den Vertrag unmittelbar auf."
Das Unternehmen zeigt sich reumütig und geht der Sache nun selbst nach. Alisch nennt darüber hinaus die Namen Neckermann, Quelle, Salamander und fügt hinzu: "Ich glaube nicht, dass das alle sind." Tatsächlich stehen auch Schiesser, Beiersdorf, Underberg, Varta, Thyssen und Siemens auf der Liste. Häftlinge hätten in der DDR "immer schmutzige und gefährliche Arbeiten machen" müssen, weiß der Forscher.
Und viele Westbetriebe hätten in der DDR eine billige Produktionsstätte gefunden, ohne sich für die Arbeitsbedingungen zu interessieren. "Man hat die Häftlinge ausgenutzt." Der Fall Ikea zeigt indes auch, wie viel Unklarheit noch immer über die Geschäftsbeziehungen westlicher Unternehmen mit der DDR herrscht. Die Stasiunterlagen-Behörde prüft das jetzt. "Ikea hat nicht entschieden, wer konkret für das Unternehmen arbeitet", sagt Unionsfraktionsvize Arnold Vaatz, der selbst in Haft saß. "Das hat die DDR entschieden." Die für den Außenhandel zuständigen Stellen hätten den Kontakt zu den Produktionsbetrieben geknüpft. Und manche Gefängnisse waren Teil dieses Produktionsprozesses. Dass alle Konzernzentralen über die Details Bescheid wussten, ist eher unwahrscheinlich. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass sie gar nicht allzu genau im Bilde sein wollten. Fragen nach der Verantwortung der Unternehmen sind also angebracht.
Der Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, hat Entschädigungszahlungen gefordert. Vaatz findet: "Ikea sollte die Sache transparent machen." Erst danach ließen sich Schlussfolgerungen ziehen. Der CDU-Politiker erinnert daran, dass der schwedische Möbelhersteller auch in Ostdeutschland "einen hohen Marktanteil" habe.
Bei anderen Unternehmen ist das Unwissen ähnlich groß. Der Wirtschaftshistoriker Martin Burkhardt von der Universität Hohenheim hat die Geschichte von Salamander untersucht. Er sagt, ihm sei nicht bekannt, dass Strafgefangene für den Schuh-Fabrikanten tätig waren. Doch zweifellos habe das Unternehmen "sehr gute Beziehungen in den Ostblock" gehabt. Unternehmenssprecherin Birgit Fink verweist auf die oft wechselnden Eigentümer und erklärt, es gebe keine Initiativen, "in diese Richtung noch zu recherchieren". Immerhin achtet die Firma heute nach eigenem Bekunden darauf, dass ethische Standards bei Zulieferern eingehalten werden.
Auch Neckermann will von Strafgefangenen nichts wissen. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte hat derweil schon 1982 einen Brief vom Konkurrenten Quelle erhalten, in dem sich der Versandhändler bereiterklärte, bei Verhandlungen mit seinen Vertragspartnern darauf zu dringen, dass keine politischen Häftlinge bei der Herstellung von Waren tätig werden. Spätestens ab 1982 wusste Quelle also, wie seine Produkte in der DDR produziert wurden. Hätten da nicht auch andere etwas wissen können?