Angesichts der Missstände bei der Vergabe von Spenderorganen hat der Grünen-Gesundheitsexperte Harald Terpe eine Aussetzung der gerade erst beschlossenen Neuregelung der Organspende gefordert. "Die im Herbst in Kraft tretende Neuregelung der Organspende sollte ausgesetzt werden, bis wir den rechtlichen Rahmen für die Organisation der Organspende in Deutschland reformiert haben", sagte Terpe der MZ. Die Spendenbereitschaft werde nur dann erhalten bleiben, wenn die existierenden Missstände zukünftig ausgeschlossen seien und zweifelsfrei sichergestellt werde, dass es bei der Organverteilung gerecht zugehe.
Die Neuregelung der Organspende, die im Mai nach langem Ringen parteiübergreifend im Bundestag beschlossen wurde, sieht die sogenannte Entscheidungslösung vor. Danach sollen die Krankenkassen ihre Versicherten regelmäßig über die Organspende informieren. Das Ziel ist eine höhere Spendenbereitschaft. Die Gesetzesänderung soll am 1. November in Kraft treten.
Terpe sagte, das Vertrauen könne nur dadurch wieder hergestellt werden, dass die strukturellen Ursachen der Probleme ausgeräumt würden. "Es kann beispielsweise nicht sein, dass in Deutschland Vereine und private Stiftungen über die Organisation des Transplantationswesens und die Verteilung der Organe entscheiden. Das System darf auch nicht von denen kontrolliert werden, die selbst Akteure sind." Hier müsse es mehr öffentliche und staatliche Kontrolle geben. "Denkbar wäre, die Organspende in die Hände einer Anstalt des öffentlichen Rechts zu legen." Auch die Regelungen zur Verteilung der Organe müssten präzisiert werden.
Unions-Fraktionsvize Johannes Singhammer (CSU) lehnte zwar den Vorstoß Terpes ab. Zugleich verlangte aber auch er rasche Reformen. "Wir müssen noch im September mit dem Gesetzgebungsprozess beginnen", sagte er der MZ. Singhammer plädierte für eine staatliche Aufsicht, ausgeübt beispielsweise durch eine schon bestehende Bundesbehörde. Diese müsse dann dem Parlament regelmäßig berichten.
Für Diskussion sorgt weiter die Zunahme von Fällen, in denen Organe an der Warteliste vorbei vergeben werden. Auch der Transplantationschirurg Gundolf Gubernatis hält die Erklärung von Regierung und Ärztekammer für die Zunahme der beschleunigten Verfahren für nicht plausibel. Mit dem steigenden Alter der Spender sei das nicht begründbar, sagt der ehemalige geschäftsführende Arzt der Deutschen Stiftung für Organtransplantation. Er sieht ein grundsätzliches Problem: Zwar sei es ein berechtigtes Anliegen, dass kritische Organe noch transplantiert würden. "Aber wenn man ein solches beschleunigtes Verfahren zulässt, muss man von vorneherein wissen, dass man das nicht kontrollieren kann."
Denn ob eine Leber gut ist oder nicht, ist nach Darstellung von Gubernatis keine Frage von Labordaten. "Die Leber eines jungen Spenders kann wunderbare Werte haben, sie kann trotzdem nicht transplantierbar sein. Das können Sie erst beurteilen, wenn Sie das Organ sehen."
Diese subjektive Einschätzung des Arztes lasse sich nicht objektiv kontrollieren. Die Ärzte müssten bei der Beurteilung eines Organs nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden "und dabei unter Umständen die Interessen der eigenen Patienten zu Gunsten der offiziellen Wartelistenpatienten hinten anstellen", sagt Gubernatis. Eine Datenbank einzurichten, wie es die Ärztekammer jetzt vorgeschlagen hat, hält er deshalb für Augenwischerei.