Irans Nuklearprogramm: Der Beitrag von Grass fügt der Debatte nichts hinzu

06.04.2012 17:50 Uhr
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Von Tom Segev
Halle (Saale)/MZ. 

Was gesagt werden muss“ ist der Titel, den Günther Grass seinem kontroversen Gedicht gab. Er beschuldigt darin Israel, aufgrund seines Kernwaffenarsenals den Weltfrieden zu bedrohen. Das war sein erster Fehler: Es musste nicht gesagt werden, weil es bereits von vielen anderen gesagt worden war – auch in Israel.

Seit vielen Monaten tobt in Israel und weltweit eine erhitzte Debatte darüber, ob man Irans Nuklearprogramm mit einem präventiven Militärschlag stoppen sollte. Argumente dafür und dagegen befassen sich mit der Weisheit, Effektivität und möglichen Ergebnissen einer solchen Aktion. Die Debatte findet auf einer strategischen, einer praktischen und einer moralischen Ebene statt. Grass’ Beitrag fügt dem nichts hinzu. Eine Partei in dieser Debatte vertritt Israels ehemaliger Mossad-Chef Meir Dagan. Dieser teilt Grass’ Sichtweise, dass der Iran nicht bombardiert werden sollte. Dagan hat das sprichwörtliche Schweigegelübde der Geheimdienstler gebrochen und seitdem nicht aufgehört zu reden. Man sollte ihm gut zuhören. Es gibt wenige Menschen, die mehr über den Iran wissen als er.

Aber würde Dagan Gedichte in Zeitungen veröffentlichen, dann würden die Leute sagen, er hätte den Verstand verloren. Das gleiche könnte man über Grass’ Einmischung in Fragen der Atompolitik sagen; nicht weil er falsch liegt – das mag sein oder auch nicht – sondern weil er nicht besser informiert ist, als der durchschnittliche Nachrichtenkonsument. Solange sich Premierminister Benjamin Netanjahu oder Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad ihm nicht jüngst anvertraut haben, ist seine Meinung gehaltlos. Grass kritisiert die deutsche Regierung dafür, Israel ein weiteres U-Boot zu verkaufen. Das ist ein berechtigter Einwand zu einer Angelegenheit, die demokratisch vom deutschen Volk entschieden werden sollte.

Aber Grass’ Vergleich von Israel und Iran ist unfair, weil Israel, anders als Iran, noch nie damit gedroht hat, eine anderes Land von der Landkarte zu fegen. Und im Gegensatz zu Grass scheinheiliger Darstellung würde eine militärische Aktion gegen Iran unter keinen Umständen zur Auslöschung des iranischen Volkes führen. Denn soweit wir wissen, würden ausschließlich die Atomanlagen des Landes angegriffen. Wenige würden bezweifeln, dass die Welt ohne iranische Atomwaffen eine bessere wäre. Und nicht nur in Israel – auch das norddeutsche Lübeck, die Hauptstadt des Marzipans, wo Grass schreibt, malt und als Bildhauer arbeitet, wird ein besserer Ort sein, wenn Iran die Bombe nicht bekommt. Grass aalt sich in heuchlerischem Moralismus und quält sich damit, Israels atomare Schlagkraft nicht schon früher verdammt zu haben. Aber dieser Preis ging schon vor vielen Jahren an Mordechai Vanunu, den israelischen Atomtechniker, der 1986 Details des Atomprogramms seines Landes an die Presse weitergab.

Heute gibt es tausende Internetseiten, die sich dem Kernwaffenarsenal Israels widmen. Man bekommt den Eindruck, dass Grass’ Leistung, das Schweigen zu brechen, kaum mehr ist als eine in sich geschlossene persönliche Erfahrung. Zudem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er versucht, wieder die Schockwellen zu erzeugen, die vor sechs Jahren sein Geständnis über seinen Dienst in der Waffen-SS während des zweiten Weltkriegs hervorrief.

Er lag richtig mit der Annahme, nach seinen anti-israelischen Kommentaren des Antisemitismus beschuldigt zu werden. Grass, so scheint es, sieht sich gezwungen, die ungerechtfertigten Anschuldigungen anzusprechen. So oder so, Sie können sich entspannen, Herr Grass. Sie haben ein ziemlich erbärmliches Gedicht geschrieben, aber Sie sind nicht antisemitisch. Sie sind nicht einmal anti-Israel; auf jeden Fall nicht mehr als der Geheimdienstler Dagan. Sie sagten, Sie hätten mit den letzten Tropfen Tinte geschrieben. Lassen Sie uns hoffen, dass Sie noch genug für einen weiteren schönen Roman haben.