Kriminologie: «Missbrauch geht zurück»

18.10.2011 08:17 Uhr | Aktualisiert 11.05.2012 16:12 Uhr
Drucken per Mail
Sexueller Missbrauch geht zurück

Der sexuelle Missbrauch von Kindern geht leicht zurück. (FOTO: DPA)

Von KATJA TICHOMIROWA
Eine neue Studie verzeichnet einen leichten Rückgang des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen.
Berlin/MZ. 

Wer in den vergangenen Jahren die Zeitung aufschlug, kam kaum auf den Gedanken, der sexuelle Missbrauch an Kindern und Jugendlichen könnte merklich zurückgegangen sein. Im Gegenteil ließen die öffentlich gemachten Fälle an der Odenwaldschule, dem Canisius-Kolleg und in Einrichtungen der katholischen wie der evangelischen Kirche den Eindruck entstehen, der Missbrauch an Kindern sei allgegenwärtig. Eine Studie des Kriminologischen Instituts in Niedersachsen verzeichnet nun nicht nur einen Rückgang der sexuellen Übergriffe auf Kinder und Jugendliche, sie sieht auch einen Zusammenhang zwischen der öffentlichen Präsenz des Themas und der tatsächlichen Abnahme der Fälle.

"Entgegen allen Erwartungen geht der sexuelle Missbrauch drastisch zurück", erklärte der Leiter des Kriminologischen Instituts, Christian Pfeiffer, der die Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erstellte. Pfeiffer, der das Zwischenergebnis der repräsentativen Befragung von 11 000 Bundesbürgern im Alter von 16 bis 40 Jahren vorstellte, führt diesen Rückgang vor allem auf die gestiegene Bereitschaft der Opfer zurück, die an ihnen begangenen Taten zur Anzeige zu bringen: "Während in den 80er Jahren im Durchschnitt nur jeder zwölfte Täter damit rechnen musste, dass er zur Verantwortung gezogen wird, trifft es heute jeden dritten." Die gestiegene Bereitschaft der Missbrauchsopfer, die Täter anzuzeigen sei wiederum eine Folge der öffentlichen Präsenz des Themas, erklärte Pfeiffer. Die Zeit der Scham sei vorbei, die Öffentlichkeit sensibler für das Thema und die Medien mehrheitlich weniger auf die Täter fixiert. Eine "Kultur des Hinsehens" habe sich etabliert.

So ermittelte die jüngste Studie des Kriminologischen Instituts, dass 6,4 Prozent der weiblichen und 1,3 Prozent der männlichen Befragten in ihrer Kindheit oder Jugend mindesten einmal Opfer eines sexuellen Übergriffs wurden. Die Täter sind der Studie zufolge in der Regel Männer aus der eigenen Familie oder ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld. Nur in Ausnahmefällen ist der Täter dem Opfer unbekannt.

Auch im Umfeld der katholischen Kirche erkennt Pfeiffer einen signifikanten Rückgang der Fälle sexuellen Missbrauchs. Unter den insgesamt 683 befragten Opfern habe nur eines angegeben, von einem katholischen Priester missbraucht worden. Bundesbildungsministerin Annette Schavan bezeichnete die Studie als Facette und sagte: "Die Daten werden uns dabei helfen, zu beurteilen, welche Strukturen den sexuellen Missbrauch begünstigen".

Opfervertreter bezweifelten die Ergebnisse der Studie. Viele Opfer hätten ihr Leid verdrängt und könnten deshalb auch bei einer Befragung keine Auskunft darüber geben, erklärte der Vorsitzende des Netzwerks Betroffener von sexualisierter Gewalt, Norbert Denef. Generell sei sexueller Missbrauch nicht statistisch zu erheben.