Dietmar Bartsch will an die Spitze der Linken. (FOTO: DPA)
Mit dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Linken im Bundestag sprach unser Korrespondent Markus Decker.
Herr Bartsch, wer steht Ihnen näher - Fidel Castro oder Sigmar Gabriel?
Bartsch: Ich habe leider nicht das Glück gehabt, Fidel Castro kennenzulernen. Aber ich bewundere ihn für seine historischen Leistungen und freue mich zugleich, dass die kubanischen Genossen einen selbstbewussten und doch kritischeren Blick auf ihr Land und ihre Partei haben als manche in Deutschland. Sigmar Gabriel ist Vorsitzender der SPD, einer konkurrierenden Partei. Ich wüsste nicht, wofür ich ihn bewundern sollte.
Sind Sie für die Frauenquote aus Überzeugung oder aus Opportunismus?
Bartsch: Wenn ich irgendwo in meiner politischen Karriere extrem dazu gelernt habe, dann hier. Als ich in der PDS anfing, fand ich die Frauenquote komisch. Inzwischen denke ich, dass sie für eine emanzipatorische Partei wichtig ist, aber nicht ausreicht, um Gleichstellung zu erreichen.
Ihre Kritiker bezweifeln, dass Sie links sind. Was ist denn an Ihnen links?
Bartsch: Ich bin geprägt worden im Staatssozialismus und habe mit der Gorbatschow-Zeit die Entwicklung zum demokratischen Sozialisten mitgemacht. Wenn ich mir die Situation im Land und in der Welt angucke, dann kann man eigentlich nur Linker sein.
Warum?
Bartsch: Weil es einen Wahnsinnsreichtum und furchtbare Armut mit hungernden Kindern auf der Welt gibt und weil bei Kriegen täglich Menschen sterben. Der Kapitalismus zerstört die Welt. Deshalb will ich diese Welt verändern. Die Ursachen für unsere Probleme liegen im System. Karl Marx hat sie im ersten Band des "Kapital" politökonomisch analysiert. Der Grundwiderspruch der kapitalistischen Gesellschaft ist erhalten geblieben. Dieser muss überwunden werden. Die Lehre aus dem Staatssozialismus ist allerdings, dass das nur auf demokratischem Wege geht. Ich wüsste jedenfalls nicht, was wir heute stürmen sollten. Die Banken vielleicht. Aber das Kanzleramt bestimmt nicht.
Können Sie denn nachvollziehen, dass man Sie für zu wenig intellektuell hält und glaubt, Sie würden lieber heute als morgen mit der SPD ins Regierungsbett springen?
Bartsch: Wer sagt denn, dass ich zu wenig intellektuell sei?
Lafontaine-Anhänger beklagen, dass Sie noch nie ein Buch geschrieben hätten.
Bartsch: Ich habe promoviert und Diverses veröffentlicht. Ich möchte aber in keiner Partei sein, in der man die Schriften eines oder einer Vorsitzenden lesen muss. Der Vorwurf, dass ich mich der SPD anbiedere, ist abstrus. Denn ich habe mich nach 1989 aus tiefer Überzeugung für eine Partei entschieden, die links von der SPD steht. Dass ich trotzdem auf gesellschaftliche Mehrheiten und potenzielle politische Partner gucke, finde ich legitim. Zu sagen, ich wolle mich der SPD anbiedern, ist eine Denunziation. Ich war nie in der SPD.
Die Ex-Grünen-Frau Jutta Ditfurth hat gesagt, manche alten SED-Leute wollten im Grund nur den gesellschaftlichen Status erreichen, den Sie schon zu DDR-Zeiten hatten.
Bartsch: Wenn es mir 1990 um Karriere gegangen wäre, dann hätte ich mich nicht in der PDS engagiert. Da wurde man nur beschimpft.
Wie erklären Sie sich die Verachtung der Flügel füreinander?
Bartsch: Von Verachtung würde ich nicht sprechen. Aber es gibt eine kleine Gruppe, deren Fanatismus mich erschreckt und der mir Angst macht. Wenn wir das fortsetzen, wird es in Göttingen zwar Besiegte geben, aber keine Sieger.
Was würde in der Linken anders werden unter Ihnen?
Bartsch: Ich sehe die Aufgabe der nächsten zwei Jahre darin, dass die Mitglieder in der Partei wieder das Sagen haben. Wir haben mehr Mitglieder als die Grünen und die FDP. Das müssen wir wieder produktiv machen. Wir müssen wieder die Türen öffnen, damit Leute zu uns kommen. Dafür müssen wir ganz anders in die Gesellschaft wirken. Wenn wir von Solidarität reden, aber selbst unsolidarisch sind, ist das nicht wirkungsvoll. Zweitens brauchen wir Beispiele praktischer solidarischer Politik. Die Mindestlohn-Kampagne war ein solches Beispiel, wie es geht. Da hatten wir die Meinungsführerschaft. Und abgesehen davon, dass wir bei der Vorbereitung des Bundestagswahlkampfes schon spät dran sind: Wir brauchen eine moderne linke Erzählung, etwas Mitreißendes, das über das Grundsatzprogramm hinausgeht. Zu sagen, wir müssen nur durchhalten und dann werden die Umfragen besser, ist falsch.
Sie konkurrieren mit Katharina Schwabedissen, Bernd Riexinger und womöglich auch mit Sahra Wagenknecht um den Vorsitz. Können Sie das Rennen überhaupt gewinnen?
Bartsch: Natürlich, sonst würde ich nicht kandidieren.
Könnten Sie mit Sahra Wagenknecht?
Bartsch: Allein Sahra Wagenknecht entscheidet, ob sie kandidiert. Und ich bin gegen jede Form der Ausschließeritis.
Und wenn Sie verlieren: Gehen Sie dann in die SPD?
Bartsch: Nein.
Denkbar ist auch, dass Sie 52 Prozent der Stimmen kriegen und bloß den halben Laden hinter sich haben. Was machen Sie dann?
Bartsch: Darin sehe ich nicht das Problem. Wenn die Entscheidung getroffen ist, dann ist sie getroffen. Beide Vorsitzenden stehen vor einer gewaltigen Integrationsaufgabe.
Ist die Linke noch zu retten?
Bartsch: Ja, sonst würde ich nicht antreten.