MZ-Serie «Mauerbau»: Erbstück des Krieges

07.08.2011 22:03 Uhr | Aktualisiert 08.08.2011 17:31 Uhr
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DDR-Kampfgruppen

DDR-Kampfgruppen stehen am 13. August 1961 auf der Westseite des Brandenburger Tores. (ARCHIVFOTO: DPA)

Von ANDREAS MONTAG
Die Berliner Mauer zementierte die deutsche Teilung 28 Jahre lang. Den Todesstreifen bezeichnete die DDR als antifaschistischen Schutzwall. Tatsächlich aber sollte er die Flucht der eigenen Bevölkerung in den Westen stoppen.
Halle (Saale)/MZ. 

Wenn über die Mauer gesprochen wird, die Berlin, Deutschland und Europa 28 Jahre lang teilte, kommt man an dem berühmten Ausspruch Walter Ulbrichts vom 15. Juni 1961 nicht vorbei: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten", antwortete der DDR-Staatsratsvorsitzende in Ostberlin der Journalistin Annamarie Doherr von der Frankfurter Rundschau.

Ganze zwei Monate später, am 13. August, wurde die Sicherung des antifaschistischen Schutzwalls, wie die ostdeutsche Führung und ihre sowjetischen Freunde die Demarkationslinie zwischen Ost und West nannten, mit Stacheldraht, später mit Beton vollzogen. Für immer, musste man glauben. Oder doch für eine kaum absehbare Zeit.

Und noch einen anderen Ausspruch muss man in Erinnerung rufen, wenn es um jenes Bauwerk geht, in dessen Schatten viele Menschen beim Versuch, in die Freiheit zu fliehen, erschossen oder schwer verletzt und eingesperrt worden sind. Eine genaue Opferzahl kann noch immer nicht angegeben werden, weil die DDR-Behörden alles daran setzten, Todesfälle an der Mauer zu verschleiern. "Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind", erklärte Ulbrichts Erbe Erich Honecker am 19. Januar 1989 vor Funktionären in Berlin.

Damit hat er auf zynische Art durchaus die Wahrheit gesagt, jedenfalls, soweit es seine und seiner Getreuen Absichten betraf. Wobei zu diesem Zeitpunkt auch viele SED-Mitglieder ihr Erspartes lieber auf den Sowjetführer Michael Gorbatschow und seine Perestroika als auch nur eine Ostmark auf Honecker und sein gespenstisches Politbüro gesetzt hätten. Dort hielt man fest an der "reinen Lehre", derzufolge der altböse Imperialismus den sieghaft aufstrebenden Sozialismus in der DDR durch fiese Lock- und Abwerbekampagnen hatte ausbluten lassen wollen. Tatsächlich kehrten der DDR von ihrer Gründung 1949 bis zum Mauerbau mehr als 2,5 Millionen Menschen den Rücken. Sie hatten schlicht keine Lust auf ein System, das sein Volk mit Drohungen, Denkverboten und vorgefertigten Parolen am Gängelband in die lichte Zukunft zu führen gedachte.

In der Gegenwart sah es indes eher ärmlich aus. Die angeblich "herrschende Klasse", die Arbeiterschaft, hat sich ihren Reim darauf gemacht und einen zweiten und dritten Markt neben der maroden Volkswirtschaft etabliert: Mit Westgeld und Tauschware konnte man besser leben. Und das, was aus den Volkseigenen Betrieben "abgezweigt" wurde, gab auch einen hübschen Profit.

Aber eines darf darüber nicht vergessen werden, zumal aus größerem Abstand der Blick nicht schärfer zu werden scheint, sondern Umdeutungen an der Tagesordnung sind: So wie der Luftkrieg der Alliierten sich erst massiv gegen deutsche Städte richtete, nachdem deutsche Bomben und Raketen Städte in England und den Niederlanden zerstört hatten, ist der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West letztlich ein Erbstück des Krieges, den Deutschland begonnen, grausam geführt und gottlob verloren hat.

Dass sich die Staatschefs der Sowjetunion, der USA und Großbritanniens, Stalin, Roosevelt und Churchill, schon im Februar 1945, vor Kriegsende, im Krim-Kurort Jalta über die Aufteilung des besiegten Landes und die Nachkriegsordnung verständigten, ist nach Lage der Dinge nur logisch gewesen. Immerhin hatte Deutschland einen verheerenden Weltbrand zu verantworten. Und beide Sieger, der Westen wie das kommunistische Sowjetrussland, mussten ihre Interessen wahren.

Im Groben ist man sich schnell einig gewesen, Deutschland sollte entmilitarisiert und in Besatzungszonen aufgeteilt werden. Ursprünglich waren nur drei vorgesehen, die USA und Großbritannien nahmen später noch die Franzosen ins Boot. Nach dem gleichen Schema sollte auch Berlin geteilt werden und nicht mehr Hauptstadt sein.

Dem Plan wohnten die künftigen Konflikte zwischen den Siegermächten schon inne. Dass man ein so großes Land nicht teilen und die Bruchstücke sich dann selbst überlassen könnte, war offensichtlich und lag auch in niemandes Interesse, auch nicht in dem der Deutschen. Die würden im neuen Beginnen nach neuer Identität streben wollen.

Als Dichter und Denker gingen sie einstweilen vor der Welt nicht durch, Mörder und Henker wollten sie aber auch nicht sein. Unterdessen brachten sich die demnächst großen Kontrahenten, die UdSSR und die USA, mit der Aufteilung nicht nur Deutschlands, sondern Europas auf dem Papier schon einmal in Stellung. Die Amerikaner würden am 6. und 9. August 1945, drei Monate nach der Kapitulation Deutschlands, mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki ihren Anspruch, die Weltmacht Nummer eins zu sein, auf furchtbare Weise unterstreichen und zugleich ein beispielloses Wettrüsten mit den Russen einläuten.

Die Amerikaner haben den Ostblock "totgerüstet" und den Kalten Krieg gewonnen. Es ist eine Ironie der Geschichte: So, wie der Sieg der Alliierten die deutsche Teilung nach sich zog, hat die politische und wirtschaftliche Übermacht des Westens viereinhalb Jahrzehnte später die Mauer zum Einsturz gebracht.

Bei allem Respekt vor dem Mut vieler, die sich in Kirche und oppositionellen Gruppen für Gedankenfreiheit stark gemacht haben - ohne die Erosion des Ostblocks hätte die Demokratiebewegung in der DDR nicht so mächtig werden können. Und als die Mauer dann fiel, durch den berühmten Versprecher des SED-Politbüromitglieds Günter Schabowski vielleicht drei Tage früher, als sie ohnehin gefallen wäre, war eigentlich klar: Kaum jemand hatte die Absicht, eine neue, freiheitliche DDR zu errichten. Mit dem Beton der Grenzanlagen zerfiel auch der Staat, der sie errichtet hatte.