Nordrhein-Westfalen: «Die Leute gehen nicht auf die Barrikade»

14.05.2012 19:10 Uhr | Aktualisiert 14.05.2012 19:28 Uhr
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Wahllokal in Düsseldorf

Eine Wählerin hat ihren Stimmzettel für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen in einem Wahllokal im ehemaligen Studieninstitut in Düsseldorf gesetzt und geht zur Urne. (FOTO: DPA)

Mit etwas über 59 Prozent ist die Beteiligung an der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am Sonntag auffallend niedrig gewesen. Joachim Frank sprach für die MZ darüber mit dem Kölner Psychologen und Marktforscher Stephan Grünewald.
Köln/MZ. 

Herr Grünewald, das Klagelied über die große Zahl von Nichtwählern klingt stets gleich. Kennen Sie eine Gegenmelodie?

Stephan Grünewald: Keine, die ich Nichtwählern schnell beibringen könnte. In unseren Studien stoßen wir im Zentrum tiefer Politikverdrossenheit auf das Gefühl: Die Politiker nehmen mich nicht wahr! Sie gleichen Matrosen, die auf hoher See an mir vorbeisegeln, ohne mich zu sehen und zu hören. Wenn ich denen aber gleichgültig bin, dann kann ich am Wahltag auch gleich zu Hause bleiben.

Legt Ihr Bild nahe, dass die Leute glauben könnten, die Piraten seien am Ende die einzig aufmerksame Besatzung?

Grünewald: Zumindest haben sie einige Leute wieder an die Urnen gebracht. Weniger in Erwartung politischer Lösungen, sondern in Art eines Schusses mit Leuchtspurmunition in Richtung der etablierten Parteien: „Hallo, passt auf, wir sind noch da!“

Sinnvolle Reaktion der Parteien?

Grünewald: Schwierig, solange sie in ihrer Programmatik konturlos und schwer unterscheidbar sind und solange das politische Geschäft in kaum nachvollziehbaren „Deals“ zu bestehen scheint, bei dem – wie im Fall der Energiewende – demoskopischer Druck dazu führt, dass vermeintlich unumstößliche Dogmen blitzschnell über den Haufen geworfen werden.

Müsste die Sehnsucht nach scharfen Profilen nicht extreme Parteien begünstigen?

Grünewald: Die schaffen aber doch kein Vertrauen. Das ist ja auch eine Lehre aus dem erfolgreichen Wahlkampf von Hannelore Kraft in NRW: Die Leute wollen verlässliche Politiker, keine Havaristen, die von Bord türmen wie der Kapitän der Costa Concordia. Diesen Verdacht hat Norbert Röttgen nicht ausräumen können.

Aber auch Kraft hat die Nichtwähler nicht in Massen zurückgeholt.

Grünewald: Da sind gegenläufige Kräfte am Werk. Kraft hat mit Volksnähe und Glaubwürdigkeit überzeugen können. Aber ihre Zielvorgaben waren so markant nun auch wieder nicht.

Das Volk, so heißt es, bekommt immer die Politiker, die es verdient. Was heißt das dann für das Volk?

Grünewald: Nach einer Zeit der Entideologisierung in den 90er Jahren, in der die junge Generation die Welt als Fernsehspiel begriffen hat, sind die Piraten Vorboten einer Rückbesinnung auf Politik. Noch ist sie inhaltlich nebulös und daher ohne einen echten Mobilisierungsschub. Aber ich erwarte in den nächsten acht bis zehn Jahren gerade bei Jugendlichen einen neuen Fundamentalismus – in dem Sinne, dass sie klare Positionen beziehen und bezogen wissen wollen.

Täuscht der Eindruck, dass die Verachtung für den gegenwärtigen Politikbetrieb gerade im „Bürgertum“ besonders tief sitzt?

Grünewald: „Verachtung“ ist mir zu scharf. Enttäuschung und Resignation sind die Stimmungen, die wir wahrnehmen. Es brodelt zwar in den Leuten, aber sie gehen nicht auf die Barrikaden – von Ausnahmen wie Stuttgart 21 abgesehen. Übrigens wirken die Piraten hier geradezu systemstabilisierend, weil sie es schaffen, den Frust zu kanalisieren und die Hoffnung auf eine neue Art von Mitgestaltung, politischer Teilhabe zu wecken.

Die Desillusionierung könnte bald umso bitterer sein.

Grünewald: Ich glaube, da täuschen Sie sich. In dem Maße, in dem die Menschen aus ihrer Distanz zur Politik heraustreten und mitmischen, sind sie weniger desillusionierbar. Gerade das Abkoppeln des eigenen Alltags von der Politik führt ja im Gegenzug zu irrealen, überschießenden Erwartungen an Politik und Politiker – als wären diese Heilsbringer aus einem fernen Paradies.

Allerdings sind die realen Probleme auch sehr komplex.

Grünewald: Unerträglich komplex, ja. Deshalb geht vom Fundamentalismus auch ein Stück Faszination aus: einfache Muster als Beitrag zur Komplexitätsminimierung. Natürlich ist diesen Antworten letztlich kein Erfolg beschieden. Aber etwas mehr Klarheit in den Richtungsvorgaben als das ständige Segeln auf Sicht – darin liegt für die nächsten Jahre eine große Chance zur Repolitisierung.