Nordrhein-Westfalen: Röttgen kommt nur schwer gegen Kraft an

10.05.2012 15:56 Uhr | Aktualisiert 10.05.2012 21:44 Uhr
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Handschlag mit Blick in die Kamera

Handschlag mit Blick in die Kamera: Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) gibt ihrem CDU-Herausforderer, Bundesumweltminister Norbert Röttgen, die Hand. (FOTO: DAPD)

Von Christian Wolf
Hannelore Kraft gibt die fürsorgliche Landesmutter. CDU-Herausforderer Norbert Röttgen kommt dagegen nur schwer an. Am Sonntag entscheiden die Wähler.
Düsseldorf/dapd. 

In einem beigen Flanellmantel steht Hannelore Kraft in der Fußgängerzone von Gütersloh. Eine zugige Ecke. Hinter ihr auf dem Platz vor dem Alten Rathaus ist Wochenmarkt. Es riecht nach Bratfisch. Die örtliche SPD hat einen mobilen Stand aufgebaut. Kraft verteilt lächeld rote Röschen. "Wem kann ich helfen? Wer möchte noch was von mir?", ruft sie und schaut sich suchend um.

Sobald sie ein Gespräch beginnt, bewegt sie Kopf und Oberkörper nach vorn, lässt kaum einen Zwischenraum zu ihrem Gegenüber. Die Leute sind perplex - und fangen an zu reden. Nicht immer über die große Politik. Manchmal geht es einfach nur um den Alltag mit seinen Widrigkeiten.

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2012

"Nah bei den Menschen" wolle sie sein, sagt sie. Eine Politikerphrase, bei der Krafts Gegner regelmäßig die Augen verdrehen. Aber Kraft zieht es durch. "Wahlkampf ist meine Paradedisziplin." Die klassischen Formate mit Großkundgebungen und langen Reden hat sie weitgehend gestrichen. Sie weiß: Das Image der Landesmutter pflegt sie am besten in der direkten Begegnung. Vorbeugend.

Das Wort mag Hannelore Kraft sehr. Es soll ihre Politik als Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen charakterisieren. Die SPD-Frau hat sich in den vergangenen 20 Monaten gegen einen strikten Sparkurs entschieden, hat einen dreistelligen Millionenbetrag in Kitas gesteckt, die Studiengebühren abgeschafft, den klammen Kommunen Milliarden gegeben - und sich von der CDU wegen der tiefen Haushaltslöcher den Titel der "Schuldenkönigin" eingefangen.

Vorbeugend - noch in anderem Sinn prägt diese Haltung Krafts Stil. In Konflikten, das hat sie als Unternehmensberaterin vor ihrer politischen Laufbahn gelernt, neigen Männer dazu, sich nach vorn zu lehnen. Frauen hätten dagegen die Tendenz zur Rückenlage, was dann gern als Unterwerfungsgestus missdeutet werde.

"Das passiert mir nicht", hat sich Kraft geschworen und an ihrer Körpersprache gearbeitet. Bloß nicht zurückweichen! Immer schön vorbeugen! Auch rhetorisch beherzigt sie diesen Vorsatz. In zwei TV-Duellen vor der Wahl - eines allein mit ihrem Herausforderer Norbert Röttgen (CDU), das andere zusätzlich mit den Spitzenkandidaten der anderen Parteien - unterbrach sie Röttgen immer wieder mit schnappenden Zwischenrufen. Von einem "Kuschelwahlkampf" Krafts, über den die Landes-CDU bei jeder Gelegenheit ätzt, ist in der direkten Auseinandersetzung wenig zu spüren.

Und Röttgen? Fällt in die Rückenlage. Bei Auftritten mit der Bundeskanzlerin, die in den wenigen Wochen zwischen der Auflösung des Landtags am 14. März und der Wahl am Sonntag neun Wahlkampfeinsätze in NRW absolviert hat, steht der Kandidat neben ihr oft im Hohlkreuz. Die Körperachse ist dadurch nach hinten geneigt, der Kopf leicht nach oben gerichtet, sein Blick geht über die Zuhörer hinweg auf einen imaginären Punkt in der Tiefe des Raumes. Gewiss, Röttgen kommt in Fahrt, wenn er an der Reihe ist. Er lässt die Handkanten auf und ab sausen, so schnell, dass es aussieht wie in den Asterix-Comics, wenn Obelix die Fäuste schwingt und die Konturen seiner Arme zu einer Art Schleier verschwimmen.

Röttgens großes Thema, passend zu seinem Amt als Umweltminister in Berlin, heißt Nachhaltigkeit. Er sei ein "umweltpolitischer Spätentwickler", räumt der Jurist ein. Und wie das bei Konvertiten und Quereinsteigern so ist: Was sie nicht über Jahre an Wissen und Leidenschaft in ihrem Persönlichkeitsspeicher deponiert haben können, das versuchen sie durch besonderen Eifer auszugleichen.

So dekliniert Röttgen im Wahlkampf durch, was er als (sein) Jahrhundertprojekt erkannt hat: Der Raubbau an den Ressourcen unserer Nachkommen muss aufhören. Deshalb die Wende hin zu den erneuerbaren Energien, deshalb der Kampf gegen die "Schuldenpolitik" der rot-grünen Regierung in Düsseldorf. Es wirkt immer etwas distanziert und abgehoben, wie er das sagt. Da ist von Ambitionen die Rede, von Philosophien und Geisteshaltungen, vom Wandel politischer Kulturen - es ist das Repertoire eines Analysten und versierten Debattenredners, nicht eines mitreißenden Wahlkämpfers.

Gegen Krafts emotionale Methode findet Röttgen kein Rezept. "Ein Desaster", schimpft ein prominenter Unionist, der Röttgen eigentlich wohlgesonnen ist, über den Wahlkampf des Parteifreunds. "Ich gehe an meine Grenzen", hat Röttgen in diesen Tagen gesagt, "physisch, organisatorisch, rednerisch - mehr kann ich nicht."

Womöglich wäre weniger mehr gewesen. Vielleicht hätte er sich einfach mal hinstellen müssen: "Ja, ich gehe auch als Verlierer nach Düsseldorf". Hat er aber nicht. Weil er es auch nicht tun wird - da sind sich eigentlich alle sicher. Stattdessen hat es Röttgen fünf Tage vor der Wahl noch einmal mit Rücken durchdrücken versucht: Er hat für den Sonntag einen Volksentscheid über die künftige Finanzierung Europas und Merkels Sparpolitik ausgerufen. "Wir sind nicht bereit, mit dem Geld der deutschen Steuerzahler die Wahlversprechen der französischen Sozialisten zu bezahlen." Was das mit NRW zu tun hat? Merkel brauche aus dem größten Bundesland Rückendeckung. Die deutsche Position in Europa werde unglaubwürdig, wenn in Nordrhein-Westfalen künftig das Gegenteil von Sparen praktiziert werde.

Dieser Schwenk zur Bundespolitik lässt sich unschwer als Manöver decodieren. Und schon wurden weitere taktische Volten und Klügeleien unterstellt: Wollte Röttgen, der in Umfragen wie der sichere Verlierer aussieht, sich bereits vor der ersten Hochrechnung aus dem Staub machen - und Angela Merkel für die Niederlage in Mithaftung nehmen?

Die Kanzlerin, mit der Röttgen seine Euro-Attacke abgesprochen haben will, reagierte ausgesprochen brüsk: Die Wahl in NRW sei eine wichtige, aber eine regionale Sache. Punkt. Natürlich ist auch Röttgen sich darüber im Klaren. In dieser Situation greift eine Beobachtung seiner grünen Konkurrentin Sylvia Löhrmann: "Röttgen kommt immer dann besonders ins Schwitzen, wenn er etwas vertreten muss, wovon er intellektuell weiß, dass es nicht stimmt."

So steht er am Ende des Wahlkampfs wieder in einem Wettbewerb mit Hannelore Kraft um die Glaubwürdigkeit. Hier zu bestehen, ist für ihn umso schwerer, als Kraft diese Charaktereigenschaft als ihr größtes Pfund verkauft. Dass sie die Minderheitsregierung mit den Grünen 2010 nicht wollte; dass sie von ihrer Koalitionspartnerin und den eigenen Leuten regelrecht genötigt werden musste - geschenkt! Kraft hat das Beste aus der misslichen Situation gemacht, hat sich die Unterstützung für ihre Gesetze mal hier, mal da gesucht. Dadurch ist sie mit niemandem in der Landespolitik komplett über Kreuz und kann sich den Luxus leisten, in der heißesten Phase des Wahlkampfes die Opposition für deren Verantwortungssinn zu loben. In der Berliner SPD-Zentrale sprechen sie anerkennend von diesem Authentizitäts-Trip. Klar, Kraft geht damit manchem Kerl auf die Nerven. Aber dafür hat sie bislang immensen Erfolg. Und wenn nicht alles täuscht, bleibt der ihr erst einmal erhalten.