Schleswig-Holstein: Plötzlich doch Sieger

07.05.2012 09:44 Uhr | Aktualisiert 07.05.2012 20:03 Uhr
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Von STEFFEN HEBESTREIT UND BERNHARD HONNIGFORT
SPD, Grüne und Südschleswigscher Wählerverband wollen zusammen eine Regierung bilden. Sie haben nur eine Stimme Mehrheit. Aber Berlin reagiert gelassen auf die Ergebnisse.
Kiel/MZ. 

Manchmal dauert es ganz schön lange, bis ein Sieger gemerkt hat, dass er der Sieger ist. Torsten Albig hatte eine unruhige Nacht, der Wahlabend hatte ihm die Laune verhagelt: Grau ist sein Gesicht, der Blick stumpf, als er kurz nach 23 Uhr am Sonntag aus dem Kieler Gewerkschaftshaus rennt, wo die SPD so tut, als ob sie feiere. Die Musik wummert und der wahrscheinlich nächste Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein wirkt wie ein Verlierer.

Aber am Montag ist alles weggeblasen, Albig hat sich aufgerappelt. Er hat die Enttäuschung, nicht vierzig Prozent für die SPD geholt zu haben eingetauscht gegen die Erkenntnis, zusammen mit Grünen und dem Südschleswigschen Wählerverband (SSW) die Regierung stellen zu können. CDU und FDP ablösen, Ministerpräsident werden. Ist doch auch etwas. Hat nur etwas gedauert, bis bei Albig der Groschen fiel.

Wer die seltsame Dramaturgie dieser Wahl erfassen will, muss sich kurz mit Erwartungen und Enttäuschungen beschäftigen. Die SPD und ihr Spitzenmann hatten fest eingeplant, als strahlende Sieger vom Platz zu gehen. Zu klar schien der Vorsprung Albigs in den Umfragen, zu eindeutig der Wunsch der Schleswig-Holsteiner nach einem Politikwechsel. Und dann kommt der erfolgsverwöhnte Albig nur als Zweiter ins Ziel - hinter dem sperrigen Kandidaten der CDU, Jost de Jager. Magere 30 Prozent. Was für eine Enttäuschung.

Langsam, ganz langsam ist bei ihm durchgesickert, dass es für einen Regierungswechsel reichen könnte. "Es hat zwei Stunden gedauert, bis auch ich begriffen habe, dass 35 Stimmen mehr sind als 34", gesteht Torsten Albig offen ein. Zwei ziemlich wichtige Stunden, in denen der Sozialdemokrat gegen alle Regeln der politischen Kommunikation verstieß, sich vor seinen Gefolgsleuten - anders als üblich - nicht zum Sieger ausrief, sondern offen von Enttäuschung und Scheitern sprach. Im Berliner Willy-Brandt-Haus tobte derweil SPD-Chef Sigmar Gabriel, der diese Form des "Wir haben gewonnen, egal wie viel wir verloren haben" beherrscht wie kein zweiter.

Als Wahlleiterin Manuela Söller-Winkler kurz vor Mitternacht das vorläufige Endergebnis verkündet, ist es amtlich: Es reicht für ein Bündnis von SPD, Grünen und Südschleswigschen Wählerverband (SSW). Als "Dänen-Ampel" von der CDU politisch bekämpft, als "Schleswig-Holstein-Ampel" von Albig geadelt, soll diese Koalition mit der hauchdünnen Mehrheit von 35 Stimmen nun für fünf Jahre das Land regieren. Der Wahlsieger CDU (22), die wieder auferstandene FDP von Wolfgang Kubicki und die Piraten (beide sechs Stimmen) wären in der Opposition.

So richtig glauben mag es Torsten Albig auch am Tag nach diesem seltsamen Wahlabend nicht. Alles sei noch ein bisschen unwirklich, sagt er. Aber immerhin: "Als ich heute Morgen aufgewacht bin, überwog die Freude." Jetzt will er das Bündnis schmieden, sieben bis acht Ministerien soll die neue Landesregierung unter seiner Führung haben. Der Grüne Spitzenmann Robert Habeck könnte, so erste Ideen, eine Art Superministerium mit den Themen Energie, Infrastruktur und Umwelt erhalten. Als Bildungsministerin möchte Albig unbedingt die Präsidentin der Universität Flensburg, Waltraud Wende, installieren.

Vier Ressorts gibt es wohl für die SPD, drei für die Grünen und der SSW würde ein Ministerium erhalten.

So geht es langsam los, erste Namen, erste Termine. Am 9. Juni soll alles in Sack und Tüten sein, dann halten SPD, Grünen und SSW ihre Landesparteitage ab. Ungewiss bleibt, was aus Ralf Stegner wird, dem umstrittenen SPD-Fraktions- und Landeschef. Eigentlich müsste er nach Berlin, heißt es, denn in Kiel bleiben könne er auch nicht, Albigs ewiger Rivale.

Ein Drama wie vor sieben Jahren fürchtet diesmal aber niemand. Einen "Heide-Mord" wie bei der viermal gescheiterten Wahl der SPD-Ministerpräsidentin Simonis werde es nicht geben, trotz Ein-Stimmen-Mehrheit. Das neue Bündnis hofft auf neue Unterstützer: auf Stimmen der Piraten.