Für Lutz Rathenow hat die Sache mindestens zwei Seiten. Die Westfirmen, die von der Zwangsarbeit in der DDR profitierten, "hätten dies wissen können, sie haben es nur nicht wissen wollen", sagt der Schriftsteller und Stasi-Beauftragte des Landes Sachsen. Andererseits sei "der Skandal doch nicht der westliche Abnehmer gewesen, sondern der Auftraggeber und Organisator der Zwangsarbeit", fügt er hinzu. Also das SED-Regime.
Rathenow und seine Länderkollegen trafen sich am Wochenende im brandenburgischen Erkner, um das Thema Zwangsarbeit eingehender zu besprechen. Es sei "bisher unterbelichtet" gewesen, so Gastgeberin Ulrike Poppe. Die von einem schwedischen Fernsehbericht ausgelöste Debatte darüber, dass der schwedische Möbelkonzern Ikea in der DDR fertigen ließ und dabei auch politische Gefangene gedungen wurden, gab der Tagung neues Gewicht.
Die Rostocker Juristin Karin Schmidt hat sich eingehender mit der Materie befasst. Etwa 800 000 Menschen seien während der gesamten DDR-Zeit von 1949 bis 1989 inhaftiert gewesen, erklärte sie. Davon waren etwa ein Viertel "Politische", also rund 200 000 Menschen. Alle hätten arbeiten müssen. Dies fußte auf der zunächst durchaus humanen marxistischen Grundüberzeugung, dass der Mensch sich durch Arbeit verwirkliche und Arbeit ein Dienst an der Gesellschaft sei. Die Arbeit im Knast war aber vor allem Mittel zur Disziplinierung der Häftlinge, die sehr bewusst an ihre physischen und psychischen Grenzen geführt wurden, ergänzte Schmidt. Die ersten Insassen im sowjetischen Lager Workuta hätten noch in Erdlöchern gehaust. Der Wille sollte wenn nicht gebrochen, so doch mindestens gebeugt werden. Und schließlich waren die miserabel bezahlten Frauen und Männer ein ökonomischer Faktor in einer DDR, die wirtschaftlich immer größere Probleme hatte.
Trotzdem ist manches relativ. Denn in westdeutschen Gefängnissen wird ebenfalls gearbeitet, nur eben ohne politische Gefangene. Eine noch größere Strafe als die Arbeit war in DDR-Haftanstalten, von der Arbeit ausgeschlossen zu sein. Dies bedeutete nämlich Einzelunterbringung und Ödnis. Zu guter Letzt gibt es über die Verstrickung westlicher Unternehmen in das Zwangsarbeitssystem wenig belastbares Wissen. Zwar sind über Ikea hinaus allerlei Namen im Umlauf, darunter Quelle, Neckermann oder Salamander. Sie schlossen Verträge mit dem DDR-Außenhandel. Doch ob ihnen klar war, dass auch politische Sträflinge für sie den Buckel krumm machten, ist offen. Die Stasi-Unterlagen-Behörde prüft das jetzt.
Ulrike Poppe ist deshalb zurückhaltend. "Dass Ikea in der DDR produziert hat, war allseits bekannt", stellt sie in Erkner fest. "Wenn Ikea wusste, dass für diese Fertigung auch Strafgefangene eingesetzt wurden, könnten sich daraus Entschädigungsansprüche für die Betroffenen ableiten lassen." Bislang sei der Nachweis nicht erbracht.