Syrien: Die Gewalt erreicht zunehmend Damaskus

10.06.2012 21:34 Uhr
Drucken per Mail
Explosion in Damaskus

Kein Ende des Blutvergießens in Syrien. (FOTO: DPA)

Von Zeina Karam und Bassem Mroue
Das syrische Volk hat ein weiteres Wochenende der Gewalt durchlitten - nicht nur in den Protesthochburgen, auch im bisher weitgehend friedlichen Damaskus. Dutzende Menschen wurden getötet.
Beirut/dapd. 

Im Streit um ein Eingreifen von außen blieben die Positionen verfestigt. Berlin warb erneut für eine politische Lösung, während London Militäraktionen nicht ausschloss. Der russische Chefdiplomat Sergej Lawrow zeigte sich zwar besorgt, blieb aber bei seinem konsequenten Nein. Der oppositionelle Syrische Nationalrat wählte unterdessen Abdulbaset Sieda zum neuen Vorsitzenden.

Wer ein militärisches Eingreifen in Syrien fordere, sollte sich der Risiken bewusst sein, sagte Außenminister Guido Westerwelle der „Welt am Sonntag“. Denn die Suche nach einer politischen Lösung aufzugeben hieße, die Menschen in Syrien aufzugeben. Sein britischer Kollege William Hague sagte dem Fernsehsender Sky News, die Lage in dem Land ähnele allmählich der Gewalt, die in den 1990er Jahren Bosnien erfasst habe. Er glaube daher nicht, „dass wir irgendetwas ausschließen können“.

„Die Situation wird besorgniserregender“, räumte auch Lawrow am Samstag in Moskau ein. Als Mitglied des UN-Sicherheitsrates werde Russland einer militärischen Intervention von außen dennoch nicht zustimmen und fordere eine internationale Syrien-Konferenz mit breiterer Beteiligung. Einwände der USA gegen eine Teilnahme des Irans an einem solchen Gipfel bezeichnete Lawrow als „oberflächlich“.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu warf Teheran unterdessen eine Mitschuld an dem Blutvergießen in Syrien vor. „Dieses Massaker wird nicht von der syrischen Regierung allein begangen; der Iran und die Hisbollah unterstützen es, und die Welt sollte erkennen, dass dies eine geballte Achse des Bösen ist“, sagte er am Sonntag in Jerusalem.

Zwtl.: 38 Tote in 24 Stunden

Aktivisten zufolge setzten syrische Soldaten ihren Beschuss vor allem von Rebellenhochburgen in der Provinz Homs fort. Insgesamt seien dabei mindestens 38 Menschen in 24 Stunden getötet worden. Nach Angaben der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden tödliche Gefechte auch aus der Nähe der Küstenstadt Latakia gemeldet.

In der Region von Haffa komme es seit Dienstag zu heftigen Kämpfen zwischen Regierungssoldaten, die von Kampfhubschraubern unterstützt würden, und bewaffneten Gruppen, erklärten Oppositionelle. Bislang seien mindestens 58 Soldaten getötet und mehr als 200 verletzt worden. In der gebirgigen Region sollen sich hunderte Rebellen verschanzt haben. Die staatliche Nachrichtenagentur SANA berichtete, „Terroristengruppen“ in Haffa hätten am Samstag „abscheuliche“ Verbrechen gegen Zivilisten verübt. Soldaten hätten einige von ihnen getötet und weitere festgenommen.

Zwtl.: Damaskus erlebt schwere Gefechte

In Damaskus waren nach Angaben von Einwohnern die ganze Nacht zum Samstag über Schüsse und Explosionen zu hören. Es seien die bisher schlimmsten Auseinandersetzungen in der syrischen Hauptstadt seit Beginn des Aufstands gegen Präsident Baschar Assad vor 15 Monaten gewesen, hieß es.

Die Kämpfe zwischen Rebellen und Regierungstruppen in den Damaszener Vierteln Kabun und Barseh hätten bis 1.30 Uhr morgens gedauert, sagte ein Aktivist via Skype: „Gestern war der Wendepunkt im Konflikt. Der Kampf ist jetzt in Damaskus.“ Mindestens vier Menschen seien ums Leben gekommen, die Panzer hätten schließlich vor Sonnenaufgang die Viertel wieder verlassen.

Zwtl.: Syrischer Nationalrat erhält neuen Vorsitzenden

Der oppositionelle Syrische Nationalrat (SNC) wählte unterdessen den kurdischen Dissidenten Abdulbaset Sieda zu seinem neuen Vorsitzenden. Die Entscheidung bei dem Treffen am Wochenende in Istanbul sei einstimmig gefallen, teilte der SNC am Sonntag in einer Stellungnahme mit.

Der 56-jährige Sieda folgt damit Burhan Ghaliun, der nach wachsender Kritik an seinem Führungsstil seinen Rücktritt angeboten hatte. Ghaliun hatte dem Rat seit dessen Gründung im vergangenen August vorgesessen. Sein Nachfolger Sieda ist ein säkulares Mitglied der kurdischen Minderheit in Syrien. Er lebt im schwedischen Exil.