Niemand weiß Genaues, es wird getuschelt, spekuliert und intrigiert in Rom - und ganz nebenbei werden die Medien täglich mit "exklusiven Informationen" gefüttert, gern von anonymen Quellen. Gute Zeiten für die "Vaticanisti", jene Sorte von Journalisten, die über den Vatikan berichten.
Tatsache ist: Seit Monaten gelangen aus dem Vatikan vertrauliche Dokumente an die Öffentlichkeit, darunter Briefe an den Papst, Protokolle von Audienzen und Dossiers bis hin zu einem angeblichen Mordkomplott gegen den Papst. Der hat eine interne Untersuchung angeordnet, um die undichte Stelle zu finden, drei Kardinäle ermitteln. Ihre Arbeit trägt einen ersten Erfolg, seit über einer Woche sitzt der Kammerdiener des Papstes, der 46-jährige dreifache Familienvater Paolo Gabriele, im Arrest, weil in seiner Wohnung vier Kisten mit Dokumenten gefunden wurden. Gegen ihn wird ermittelt wegen "schweren Diebstahls".
Viele Spekulationen
Tatsache ist auch, dass der Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi im Besitz vieler solcher Dokumente ist, er hat sie gerade in Buchform unter dem Titel Sua Santità, Seine Heiligkeit, veröffentlicht. Und Tatsache ist auch, dass zeitgleich der erst vor drei Jahren berufene Chef der Vatikanbank, Ettore Gotti Tedeschi, seines Amtes enthoben wurde, so brutal, wie es selbst in der freien Wirtschaft nur selten vorkommt. So weit die Fakten. Von hier an betritt man das Reich der Spekulation. Der kleinste Staat der Welt funktioniert nach sehr eigenen Gesetzen. Er ist einer der letzten absolutistischen Monarchien, sein völkerrechtlicher Chef ist zugleich das geistliche Oberhaupt der Katholiken. Gewählt wird der Papst in einer streng von der Außenwelt abgeschotteten Versammlung der Kardinäle, dem Konklave. Ansonsten geht es nicht sehr demokratisch zu am Heiligen Stuhl, und auch seine Informationspolitik ist geprägt von sehr langsamen, vordemokratischen Ritualen. Um Mitglied der Kurie zu werden, zählen theologische Linientreue und persönliche Beziehungen weit mehr als die Eignung für ein Amt.
Mächtigster Mann nach dem Papst ist der Kardinalstaatssekretär, der "Ministerpräsident" des Vatikans. Seit dem Jahr 2006 bekleidet dieses Amt Tarcisio Bertone, der heute 77-jährige Kardinal galt lange Zeit als enger Vertrauter von Benedikt XVI. Um Bertone kreist derzeit die Affäre Vatileaks. Es ist nicht sehr plausibel, dass ausgerechnet der dem Papst treu ergebene Gabriele aus freien Stücken handelte oder gar der Kopf einer Verschwörung ist.
Nur, wer intrigiert gegen wen? Ist Bertone das Ziel? Werden bereits die Weichen gestellt für das nächste Konklave? Der Kardinal ist ein mächtiger und gefürchteter Mann, und er hat viele mächtige Feinde, die schon lange auf seine Ablösung drängen. Schon bei seiner Berufung rumorte es in der Fraktion um seinen Vorgänger. Sie führt seither einen erbitterten Machtkampf gegen die "Falken" im Kardinalstaatssekretariat. Bertone wurde zweifelsohne ausgewählt, weil er theologisch das Vertrauen des Papstes genoss. Bewährt hatte er sich aber auch als Sekretär der Glaubenskongregation. Das ist jene Institution, die auch für die Aufklärung von sexuellem Missbrauch zuständig ist. Bertone steht unter Verdacht, in einem besonders gravierenden Fall in den USA alles dafür getan zu haben, dass er vertuscht wurde. Über diplomatische Erfahrung oder gar politisches Geschick aber verfügt Bertone nicht. Seine Feinde halten ihn schlicht für einen "Dummkopf", sie kreiden ihm seine selbstherrlichen Auftritte bei Auslandsreisen genauso an wie die Provinzialisierung der Kurie. Als Bertone vor zwei Jahren das Rentenalter erreicht hatte, legten einige Kardinäle dem Papst nahe, ihn in Pension zu schicken. Benedikt lehnte ab.
Dabei hatte sich Bertones Ernennung als folgenschwerer Fehler für den Papst erwiesen, zumal es auch ihm selbst oft an politischem Gespür mangelt. Zudem soll Bertone in Korruptionsskandale - und den Machtkampf um die Vatikanbank verwickelt sein.
Unfromme Schlammschlachten
Auch bei der Entlassung Gotti Tedeschis hatte er wohl seine Finger im Spiel, weil der unter Transparenz etwas anderes verstand als der Kardinal. Unter Bertones Führung hat sich an den barocken Gepflogenheiten nichts geändert. Die unfrommen Schlammschlachten haben in den letzten Jahren dramatisch zugenommen - ein Vorwurf, der am Ende auch auf den Papst zurückfällt. Bis heute sei der Vatikan "ein mittelalterlicher Hofstaat", kritisierte der Theologe Hans Küng jetzt in der italienischen Tageszeitung La Repubblica. Für ihn steht es außer Frage, dass es in der Affäre um weit mehr geht als ein paar Indiskretionen. Er hält sie symptomatisch für die tiefe Krise des Systems - und die Führungsschwäche des Papstes. "Der Papst verfolgt eine Strategie der vollen Transparenz", weist sein Sprecher, Pater Federico Lombardi, solcherart Kritik zurück. "Er ist sich der heiklen Situation bewusst, in der sich die Kurie befindet." Doch auch er räumt ein, dass es sich um "eine schwere Prüfung" für den Papst handele. Wie schwer die Prüfung ist, war zu spüren, als sich Benedikt am Mittwoch in der Generalaudienz selbst zu den Vorfällen äußerte. Die jüngsten Ereignisse hätten ihn "traurig" gestimmt, sagte er auf dem Petersplatz. Zugleich sprach er seinen Mitarbeitern das Vertrauen aus - damit stellte er sich indirekt auch hinter Bertone. Um dann auch gleich noch heftige Medienschelte zu üben. Es seien Unterstellungen weiterverbreitet worden, "die grundlos sind und weit über die Fakten hinausgehen". Diese hätten "ein Bild vom Heiligen Stuhl vermittelt, das nicht der Realität entspricht".
Derweil sitzt Paolo Gabriele in seiner "Sicherheitskammer", er soll in den nächsten Tagen vor einem vatikanischen Gericht aussagen. Die Ermittlungen gehen weiter, fünf Kardinäle sollen in der Causa Vatileaks befragt worden sein. Angeblich stehen weitere Verhaftungen bevor, von Laien, die im Vatikan beschäftigt sind. Genaues weiß man nicht. Auch die vatikanische Justiz arbeitet nach ihren eigenen Gesetzen.