Diese grandiose Landschaft ist eines von Norwegens Highlights: der Geirangerfjord und die Berge drum herum. (FOTO: FRANK VINCENT)
Vierter Reisetag, kurz nach sieben. "Liebe Gäste", bohrt sich die Stimme des Bordreiseleiters in die Träume, "MS Midnatsol hat bei 66 Grad, 33 Minuten und 51 Sekunden soeben den Polarkreis überquert. Willkommen im Land der Mitternachtssonne!" Auch wenn es nun also zu spät ist für das Live-Erlebnis dieser magischen Linie, aufstehen und raus an Deck kann nicht schaden.
Die Belohnung folgt prompt. Geradezu mystisches Morgenlicht beglückt den Frühaufsteher. Immer wieder stoßen Sonnenstrahlen wie Spots durch wildes Wolkengebräu und illuminieren die dramatische Küstenlandschaft der Provinz Nordland. Linkerhand kommt eben der Rødøyløven in Sicht, ein Felsgigant aus schimmerndem Serpentin, der aussieht wie eine gigantische Sphinx. Auf Steuerbord wiederum wachsen vor schneebedeckten Bergketten bizarre Urzeitmonster aus dem spiegelnden Meer: spitze Zuckerhüte, scharfkantige Grate, gezackte Saurierrücken - eine Sinfonie aus Stein und Eis, aus Wasser und Wolken, aus Nebel und Dunst, aus Schatten und Licht.
Punkt acht erscheint ein Bootsmann am Heck. Er hisst die rot-weiß-blaue Flagge mit dem Emblem aus goldener Krone und den Lettern "Post". Unter diesem Banner ziehen die zwölf Schiffe der Hurtigruten-Reederei unermüdlich ihre 2 500 Seemeilen lange Bahn. In zwölf Tagen von Bergen nach Kirkenes und wieder retour. Tag für Tag. Bei Mitternachtssonne und Polarnacht. In Schnee und Eis. Bei Regen und Sturm.
10.30 Uhr: Mit gewaltigem Getöns stapft Neptun über die Planken. Jetzt geht es allen Landratten an den Kragen, die zum ersten Mal den Polarkreis überquert haben. Besonders furchteinflößend schaut der grimmige Meeresherrscher freilich nicht aus. Haare und Bart gleichen verdächtig einem ausgefransten Wischmopp, die Krone sieht nach Pappmaché aus, der Dreizack nach Plastik. Echt hingegen ist die Kelle, mit der er Eiswürfel aus einem Bottich schöpft und sie Männlein wie Weiblein in den Nacken schüttet. Oder ins Dekolleté, wenn ihm ein besonders attraktives unterkommt. Kreischen und Jauchzen allerorten, ein Likörchen danach mildert die "Tortur" der Polarkreistaufe.
12.30 Uhr: Leinen fest in Bodø, der Hauptstadt von Nordland. Zeit für einen Stadtbummel oder einen spektakulären Natur-Ausflug. Der Saltstraumen genießt den respektablen Ruf, der stärkste Mahlstrom der Erde zu sein. In seinem Sog schießen zum Gezeitenwechsel 400 Millionen Kubikmeter Wasser durch einen engen Sund - mit bis zu 20 Knoten Geschwindigkeit.
In Speedbooten kommen wir diesem strudeligen Wildwasser-Weltmeister nicht nur gefährlich nahe, wir reiten sogar mehrmals über ihn hinweg wie auf einer sanften Achterbahn. "Keine Sorge, es wird nicht schlimm", beruhigt Tourguide Leonie die Angsthasen an Bord, "wir sind gerade zwischen Ebbe und Flut, da hat der Sog nicht mal halbe Kraft." Anschließend zeigt uns die hübsche Maid das Phänomen der kaledonischen Gebirgsfaltung und auch Seeadler bekommen wir noch ziemlich nah zu Gesicht.
15 Uhr: Vorbei an Felsmassiv und Leuchtturm von Landegode nimmt die MS "Midnatsol" Kurs auf die schönste Inselgruppe der Welt, wie nicht nur viele Norweger finden. Eine Zwei-Stunden-Passage mit stetem Blick auf die legendäre Lofotenwand, die sich wie ein gigantisches Bollwerk aus der arktischen See erhebt und von Minute zu Minute auflöst zu einer Kette von schartigen Gipfeln, Zinnen und Bastionen. Kein Wunder, dass die Wikinger hier im 9. Jahrhundert ihre erste Stadt nördlich vom Polarkreis gründeten - so eine herrliche Landschaft konnte nur von den Göttern erschaffen worden sein.
22.30 Uhr erreichen wir den Raftsund - eine schmale Fahrrinne von erhabener Schönheit und bei gespenstischem Himmelsszenario - der Mitternachtssonne und düsteren Wolkenregimentern sei Dank. Und Punkt Mitternacht setzen wir mit dem Trollfjord sogar noch einen drauf: Gerade mal zwei Kilometer lang und streckenweise nur 100 Meter breit ist dieses Zauberreich aus Kathedralen und Skulpturen, Türmen und Buckeln, die sich über nackte Felsflanken nahezu senkrecht aus dem Meer erheben. Schöner kann ein langer Sommertag auf der Hurtigrute nicht zu Ende gehen.