Ziel mit Hindernissen: die Fähre nach Genua. (FOTO: PRIVAT)
Bis zur Fähre nach Genua . . . Seine Erlebnisse hat er notiert:
Keine zwanzig Meter mehr. Vor uns die offene große Ladeluke der "Majestic", des Fährschiffes, das uns samt unserem Pkw von Tanger nach Genua bringen soll. Die Kabine für die Fahrt drei Nächte und zwei Tage quer übers Mittelmeer war gebucht. Nur noch reinfahren, Gepäck nehmen und genießen: das Schiff, seine Annehmlichkeiten und die Reise, die ein weiterer Höhepunkt sein sollte auf unserer Tour, die uns über einige tausend Kilometer aus dem Mansfeldischen über Frankreich und Spanien bis nach Marokko gebracht hatte.
Endlich das Zeichen eines der Schauerleute. Darauf hatten wir immerhin schon zwei Stunden gewartet: Wir sollten reinfahren. Also Motor anlassen, Gang rein, Gas geben - um dann gleich energisch gestoppt zu werden. "Ticket!" Der Mann verlangt das Papier zu sehen, auf dem Auto-Kennzeichen und die Kabinen-Nummer angegeben sind. Was meine Frau und ich uns bis dahin, unter der Versicherung, auf jeden Fall cool zu bleiben, mehrfach gegenseitig bekräftigt hatten, tritt ein: Die Annahme, es werde schon alles klar gehen, erweist sich als falsch. Der Voucher könne nicht akzeptiert werden, macht der Mann von der Fährgesellschaft Grandi Navy Velocci deutlich. Damit dürften wir nicht aufs Schiff.
Was denn? Hier sollte unsere so korrekt und gründlich geplante Tour scheitern? Auf marokkanischem Boden, den wir erst vor rund zwei Stunden mit der Fähre über die Straße von Gibraltar vom spanischen Algeciras aus erreicht hatten? Das können wir nicht glauben. Schließlich hatte bisher alles bestens geklappt.
Von unserem Wohnort aus waren wir nach Neu-Isenburg gefahren, um mit dem Auto-Reisezug über Nacht nach Narbonne in Südfrankreich zu gelangen. Von dort waren es nur noch 250 Kilometer bis nach Barcelona, der ersten Etappe unserer Reise. Zwei Tage lang hatten wir die Stadt bestaunt, uns über die Bauwerke des ob seiner faszinierenden Eigenwilligkeiten von manchem als verrückt bezeichneten Architekten Antonio Gaudi gefreut und waren nächtens über die verrucht-romantische Rambla geschlendert.
In Valencia waren wir in die Fal-las geraten, wo schon Dreijährige darin unterrichtet werden, wie sie möglichst effektvoll Knallkörper zur Explosion bringen. Die Leute von Valencia gelten als die leidenschaftlichsten Pyromanen der Welt. Dann wartete Almeria mit seinem liebenswerten Zentrum und Marbella mit seiner schier endlosen Uferpromenade.
Schließlich die Fahrt nach Algeciras, von wo aus wir auf den afrikanischen Kontinent übersetzten. Denn das war unsere Überlegung für die möglichst kürzeste und angenehmste Art des Heimkommens: einfach nach TangerMed, dem Fährhafen, und dann nach Genua.
Schon beim Ausfahren von der Fähre an einem anderen Kai in gut zweihundert Meter Entfernung konnten wir unser Zielschiff sehen. Kurz durch den Hafen gekurvt und eingereiht in die Schlange der dort auf die Einschiffung wartenden Fahrzeuge. Was sollte noch schiefgehen?
Nicht gerechnet hatten wir freilich mit dem, was jetzt passierte. Dabei hatten wir uns während des Wartens über jene großen roten Zettel gewundert, die bei anderen Pkws hinter der Frontscheibe lagen. Über separate Tickets verfügten wir nicht. Doch die Überfahrt war bezahlt, bestätigt der Voucher. Der Schauermann nimmt nun Kontakt auf zu einem den Ladevorgang mit Abstand beobachtenden Zivilisten, den er "Commisario" nennt. Offensichtlich, um unsere Angelegenheit zu diskutieren. Sollte sich das Problem jetzt zu unseren Gunsten lösen?
Falsch gehofft, obendrein kompliziert sich die Situation in Gestalt eines an unser Auto herantretenden marokkanischen Polizisten. Freundlich aber bestimmt fordert der Mann in seinem langen weißen Mantel unsere Pässe, um uns dann streng auf einen seiner Ansicht nach fehlenden Stempel aufmerksam zu machen. "Aber, da ist er doch", versuche ich in meinem Touristen-Englisch dem nur französisch sprechenden Beamten deutlich zu machen. Den Stempel im Pass hatte es bereits auf der Fähre von Algeciras nach TangerMed gegeben. Den Einreisestempel nach Marokko, ja. Aber wo ist der Beleg für die Ausreise? Die Nerven liegen inzwischen blank.
Die Situation spitzt sich zu. Wir werden mit unserem Wagen zur Seite gewiesen, während die anderen Pkw einer nach dem anderen in den Schiffsbauch gleiten. Sollte es das wirklich gewesen sein? Wenn man uns nicht auf die Fähre lässt, wie kommen wir dann nach Europa zurück?
Der "Commisario" schließlich ist Autorität genug, die Angelegenheit gegenüber Grandi Navy Velocci und der marokkanischen Grenzpolizei zu klären: in unserem Sinne. Er erklärt den anderen, wie wir nach Tanger gekommen sind und deshalb keinen Ausreisestempel haben können und sorgt dafür, dass wir auf die Fähre dürfen.
Was hatten wir doch etwas falsch gemacht? Eigentlich nichts. Wir hätten nur - wie wir später von einem mitreisenden österreichischen Paar erfahren - nicht schnurstracks von einem Kai zum anderen fahren sollen, sondern erst die etwa vier Kilometer entfernte Hafenausfahrt passieren müssen, um dann in den Hafen wieder einzufahren . . .