Wasserfälle prägen Norwegens Landschaft. Ein Stopp am Steinsdalsfossen an der Reichsstraße 7, der 50 Meter in die Tiefe fällt und hinter dem man entlanggehen kann , lohnt schon wegen des weiten Blicks. (FOTO: IRIS RICHTER)
Anne-Lise Søndol strahlt, als sie ihren Gästen eine riesige Schüssel "Rømmegrøt" auf den Tisch stellt. Mit der traditionellen Speise, die einst norwegischen Bauern als schnelle aber kalorienreiche Mittagsmahlzeit diente, erfreut die Almbäuerin nun Touristen. Die machen gern Rast in dem kleinen Café, das seit vierzig Jahren von der Familie betrieben wird und ausschließlich in den Sommermonaten geöffnet ist. Denn dann lebt Anne-Lise auf der 1 140 Meter hoch gelegenen Fagerdalen-Alm, die einst 1702 von ihren Ahnen gegründet wurde. Hier kümmert sie sich neben hungrigen Wanderern um die neun Kühe der Familie. Oder besser darum, dass die Milch der Tiere sofort verarbeitet wird - zu Butter, Käse und Rømmegrøt. Optisch erinnert das Gericht aus Rahm an Grießbrei, noch dazu wo es mit Zucker und Zimt serviert wird. Doch geräucherter Schinken und Wurst gehören als herzhafte Ergänzung ebenso dazu.
Das können sich die Wanderer ohne Reue schmecken lassen, denn immerhin stecken schon rund zwölf Kilometer Wegstrecke in ihren Beinen und die bei weitem nicht auf gerader gemütlicher Piste. Wer in Norwegen wandert, sollte nicht nur wetterfest sein und eben solche Kleidung im Gepäck haben. Der Wanderer muss auch mit Wegen rechnen, wo es über Stock und Stein geht oder es einen Bach zu überqueren gilt. Das heißt festes Schuhwerk, das der Feuchtigkeit auf den Wiesen widersteht, sollte zur Ausstattung unbedingt dazu gehören.
So schaut sich Knut Koren die Ausstattung seiner Begleiter genau an, bevor der 64-Jährige mit der kleinen Truppe an diesem Tag vom sogenannten Slakterplassen nahe des Bergsjø, wo früher Rentiere geschlachtet wurden, zur Fagerdalen-Alm mitten im Hallingdal startet. Seit dreißig Jahren schon ist Koren in den Hochebenen zwischen Hallingdal und Hemsedal unterwegs und führt Touristen. Trotzdem vermag er nicht genau zu sagen, wie lang der Weg eigentlich sein wird. "Bei uns werden Zeiten als Orientierung angegeben", erklärt er. Diese seien noch dazu reine Gehzeiten. Pausenzeiten müsse man dazurechnen. "Schließlich sollst du nicht vergessen, die Natur zu bewundern", sagt der Norweger und lädt seine Gäste immer wieder zu kurzen Stopps ein, um auf die Schönheiten der Landschaft hinzuweisen - auf Granitsteine mit jahrhundertealten Moosen, auf blühende Anemonen oder auf Schneehühner, die die Wanderer aufscheuchen.
In der Region Hallingdal, die an der Reichsstraße Nummer 7 liegt, leben 20 000 Menschen. Doch jedes Jahr kommen rund 200 000 Besucher, um die Weiten der Landschaft zu erkunden. Die wollen nicht einfach nur schnell von der norwegischen Hauptstadt Oslo in die zweitgrößte norwegische Stadt Bergen gelangen. Das macht schon die kurvenreiche häufig enge Piste und die gebotene Tempo-80-Fahrt unmöglich. Es wäre zudem schade, die Landschaft entlang der sogenannten Fjell-und Fjord-Route einfach links liegen zu lassen. Erst recht, wenn man sich zu den Aktivurlaubern zählt.
Da gibt es nicht nur die Hardangervidda, Nordeuropas größtes Hochgebirgsplateau und der größte von insgesamt 41 Nationalparks Norwegens, sondern auch die meist besuchte Natur-Sehenswürdigkeit des Landes am Rande der Straße zu sehen. Ganze 189 Meter tief fällt das Gebirgswasser am Vøringsfossen in die Tiefe und bietet bei Sonne einen Permanent-Regenbogen.
Für eine Übernachtung an der Straße Nummer 7 eignet sich Geilo auf halber Strecke zwischen Oslo und Bergen. 800 Meter liegt der Ort hoch, der vor allem wegen seiner Wintersportbedingungen beliebt ist. Doch nicht nur Ski und Rodel sind hier gut, Hobbywanderer finden im Sommer hervorragende Möglichkeiten, etwa im angrenzenden Nationalpark Hallingskarvet die Natur zu erkunden. Ethiklehrerin Turid Lindseth führt hier beispielsweise auf ihrer philosophischen Runde vom Prestholtseter auf rund 1 200 Metern Höhe auf den Spuren des norwegischen Philosophen Arne Næss zu dessen Hütte mitten in der Bergwelt. Dabei zeigt sie nicht nur den Weg, sondern stellt Fragen, nach der Zeit, die einem bleibt und wie man diese nutzt. Für die Antworten kann man die Gedanken schweifen lassen, während die Blicke über die Landschaft gleiten. Bei gutem Wetter ist eine Weitsicht von gut 200 Kilometern möglich bis hin zu den schneebedeckten Gipfeln des Jotunheimen-Gebirges.
Und wer selbst im Sommer sein Verlangen nach Schnee und Eis stillen will, dem sei von der Straße Nummer 7 ein kleiner Umweg über Jondal an den Hardangerfjord zum Nationalpark Folgefonna mit dem gleichnamigen Gletscher empfohlen - ein Umweg in die kalte Jahreszeit.
Auf einer Ausdehnung von 30 mal 16 Kilometern erstreckt sich hier das ewige Eis auf dem südlichsten der insgesamt 1 600 Gletscher Norwegens. Von Juni bis September kann es auf Wanderungen erkundet und erobert werden. Am besten schließt man sich dazu allerdings einer geführten Gletschertour an, denn es ist gar nicht so einfach für Ungeübte mit Steigeisen an den Schuhen und Eispickel in der Hand auf dem glatten Untergrund Halt zu finden und sich voran zu bewegen.