Schweiz: Nichts für Memmen

12.04.2012 21:47 Uhr | Aktualisiert 12.04.2012 21:52 Uhr
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Jungfraubahn

Am Bahnhof Kleine Scheidegg beginnt die Fahrt mit der Zahnradbahn. Im Hintergrund grüßen Eiger, Mönch und Jungfrau. (FOTO: DPA)

Von MATTHIAS PIEREN
Vor 100 Jahren wurde die Jungfraubahn eröffnet. Sie brachte den Massentourismus ins Berner Oberland. Heute kommen viele Asiaten.
Halle (Saale)/MZ. 

Zugführer Thomas Lanz muss für alles gewappnet sein. Triebfahrzeuge muss er unterwegs reparieren können, nach Schneefällen wird er im Schneeräumdienst eingesetzt, seine Kenntnisse in Erster Hilfe sind genauso gefragt wie Fingerspitzengefühl bei der psychologischen Betreuung von Fahrgästen - wenn wieder einmal Touristen aus Asien die lange Tunnelfahrt unheimlich wurde. "Memmen haben hier oben nichts zu suchen", meint Lanz mit einem Lachen.

Rund 765 000 Touristen kamen im letzten Jahr mit der Zahnradbahn zum Jungfraujoch, Europas höchstgelegenem Bahnhof auf 3 454 Metern über dem Meeresspiegel. Die Eröffnung der Jungfraubahn am 1. August 1912 markierte endgültig den Beginn des Massentourismus im Berner Oberland. Die eisenbahntechnische Pionierleistung hat das markante Dreigestirn von Eiger, Mönch und Jungfrau erst weltberühmt gemacht.

50 Minuten dauert die Fahrt vom Ausgangspunkt auf der Kleinen Scheidegg (2 061 Meter) hoch an den Ursprung des Großen Aletschgletschers. Während der zwölf Kilometer langen Fahrt überwindet die Zahnradbahn rund 1 400 Höhenmeter. Mehr als die Hälfte liegt im Tunnel. Den Vergleich mit einem U-Bahn-Fahrer will Thomas Lanz aber gar nicht hören.

Auf 2 865 Höhenmetern legt der Zug im Tunnel an der Station Eigerwand den ersten Stopp ein. Für fünf Minuten können die Fahrgäste sich nun die Beine vertreten. Der Blick schweift aus einem der drei Panoramafenster mitten in der Eiger-Nordwand hinab ins Tal bis nach Grindelwald und weiter nach Interlaken.

Beim nächsten Tunnel-Stopp auf 3 160 Meter Höhe an der Station Eismeer hat man freien Blick auf die bizarre Eis- und Gletscherwelt auf der Rückseite von Eiger, Mönch und Jungfrau. Noch bevor der Stollen der Jungfraubahn bis zum Jungfraujoch getrieben wurde, diente die Station Eismeer ab dem 25. Juli 1905 als vorläufige Endstation.

Die bis dahin verschlossene Welt aus Eis und Schnee öffnete sich für immer mehr Touristen. Mit einheimischen Bergführern unternahmen sie kleine Gletschertouren. Erfahrene Alpinisten brachen vom Eismeer auf zu berühmten Bergtouren, wie der Eiger-Ostroute. Tourenskifahrer starteten zu den legendären Eismeer-Skiabfahrten hinab nach Grindelwald.

Doch all diese Eindrücke sind nur ein Vorspiel für den Höhepunkt der Zugreise mit der Jungfraubahn. Nach der Ankunft auf Europas höchstem Bahnhof auf dem ganzjährig mit Schnee bedeckten Jungfraujoch streben die Fahrgäste sofort auf die Aussichtsplattformen. Bei gutem Wetter haben sie einen Panoramablick auf 200 Alpengipfel. Nach Süden hin erstreckt sich der Große Aletsch-gletscher - mit 22 Kilometern der längste Gletscher in den Alpen. An klaren Tagen reicht die Sicht gen Norden bis in die Vogesen und zum Schwarzwald.

Zwei Drittel der Fahrgäste kommen aus Asien, Tendenz steigend. Sie alle wollen sich vor der majestätischen Kulisse der Jungfrau ablichten lassen. Obwohl Lokführer Lanz fließend Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch spricht, reicht das nun nicht mehr aus. "Immer mehr Inder, Chinesen und Russen fahren mit uns. Da muss ich wohl bald weitere Sprachen lernen", feixt der Eidgenosse.

Als "Top of Europe" vermarktet - was eigentlich auf das Mont-Blanc-Massiv mit seinen 4 810 Metern zutrifft - ist das Jungfraujoch längst eines der bedeutendsten Reiseziele in der Schweiz. Wegen der ganzjährigen Schneegarantie auf fast 3 500 Höhenmetern legen vor allem die Touristen aus Asien, Russland und aus den arabischen Ländern während ihrer Europa-Rundreise auf dem Jungfraujoch einen Zwischenstopp ein.

Ein Tipp noch zur Anreise. Sie erfolgt am besten mit der Bahn bis Interlaken Ost. Von dort geht es mit der Berner Oberland-Bahn (BOB) über Zweilütschinen nach Lauterbrunnen oder nach Grindelwald. Die beiden Orte werden über die Station Kleine Scheidegg mit der Wengernalpbahn (WAB) verbunden. Von der Kleinen Scheidegg starten die Züge der Jungfraubahn auf das Jungfraujoch.

Ab Kleine Scheidegg kostet die einfache Fahrt auf das Jungfraujoch 58 Schweizer Franken (umgerechnet rund 48 Euro). Viele Tickets sind im Internet erhältlich.

Jungfraubahnen, in Interlaken, Schweiz: Tel. 0041 / 33 / 828 72 33