Die Uferpromenade von Ascona am Lago Maggiore: Während man hier schon den Sommer spürt, fällt der Blick auf noch schneebedeckte Berge. (FOTO: HEIDI JÜRGENS)
Der Wind weht uns um die Nase. Ein warmer Wind. Auch wenn wir in der Ferne hinter der bunten Häuserreihe an der Uferpromenade von Ascona am Lago Maggiore noch ziemlich viel Schnee in den Bergen sehen. Das Schiff des italienischen Eigners fährt zügig auf den schweizerischen Ort zu und wir werden am Abend merken, dass die Sonne schon erhebliche Kraft hat. Sommer und Winter liegen hier im Tessin an der Grenze zu Italien dicht beisammen. Und nach dem Besuch des botanischen Gartens auf einer der beiden Brissago-Inseln im See, die wir gerade mit dem Schiff wieder verlassen haben, könnte man noch hinzufügen: Eigentlich hat man hier nicht nur Sommer und Winter beieinander, sondern gleich noch die ganze Welt. Denn in dem Garten, den die Baronin Antoinette Saint-Leger 1885 hier anlegen ließ, können die Besucher auf eine botanische Welt-Wanderung gehen. Im milden Klima dieses Fleckchens Erde können Pflanzen ganzjährig im Freien wachsen und gedeihen, die normalerweise ihre Heimat im Mittelmeertraum, den Subtropen Asiens, Südafrikas, Amerikas und Ozeaniens haben.
Künstler und Aussteiger, schließlich auch viele Emigranten hat es seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nach Ascona, ins benachbarte Locarno und die Umgebung gezogen. Die Kunst, zu leben, haben sie versucht und auf unterschiedlichste Weise anschaulich gemacht. Ob auf den Brissago-Inseln oder auf dem Monte Verità, wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Kolonie gegründet wurde, die die Rückkehr zur Natur ebenso als Leitgedanke hatte wie vegetarische Ernährung, Bewegung im Freien und den Nudismus. Maler und Schriftsteller, unter ihnen Hermann Hesse und Erich Maria Remarque, gehörten ebenso zu den Gästen wie Anarchisten und Psychoanalytiker.
Natürlich steigen auch wir die etwa 400 Stufen vom Ort hinauf auf den Hügel, der mittlerweile ins Eigentum des Kantons Tessin übergegangen ist. Das Museum wird zwar zurzeit restauriert, doch das etwa 2,5 Hektar große Areal kann man durchstreifen und Zeugnisse der Vergangenheit finden. Einfache "Licht-Luft-Häuser" etwa, in denen die Aussteiger lebten. Duschen und Badebecken im Freien. Und das Elisarion, einen Rundbau, in dem der baltische Edelmann Elisar von Kupffer Ende der 1920er Jahre seine Philosophie von Wirrwelt und Klarwelt auf die Wände malte.
Wirrwelt hin, Klarwelt her: Wir steigen aus den Höhen des Berges der Wahrheit wieder hinab in unser wahres Leben, das ein neues Ziel verheißt: das Verzasca-Tal. In Locarno steigen wir in den Postbus, der uns aus der sommerwarmen Stadt am See hinauf ins ursprüngliche Tessin bringt. Die Serpentinenstraße windet sich nach oben und gibt noch einige faszinierende Blicke auf das glitzernde Wasser und die Schneeberge dahinter frei, ehe es hinein ins Tal geht, an dessen Ende nach 25 Kilometern das Bergdorf Sonogno unser Ziel ist.
Doch ehe wir dort ankommen, genießen wir zunächst die Blicke auf eine wild-natürliche Landschaft mit schroffen Felswänden, kaskadenartigen Wasserfällen, winzigen Dörfchen, die den Eindruck erwecken, sie seien so in die Felsen geklebt. Es lohnt, die Busfahrt mindestens an zwei Stellen zu unterbrechen: Einmal an der Talsperre des Lago di Vogorno, dessen Staudamm mit 220 Metern zu den höchsten in Europa gehört. Und der als Schauplatz für Szenen zum James-Bond-Film "Golden Eyes" diente. Den nächsten Stopp legen wir im Dörfchen Lavertezzo ein. Hier haben die Römer eine doppelbogige Brücke über den Fluss gespannt. Tiefgrün schimmert das Wasser, umspült Felsbrocken und Steine, auf denen sich Wanderer ihre Plätze suchen und von denen aus Mutige ein Bad im Fluss nehmen, dessen Wasser kaum zehn Grad hat und dessen Strömung nicht ohne ist.
Wir fahren weiter nach Sonogno, wo die Zeit teilweise stehen geblieben scheint. Schauen uns die fels-steinigen Häuser an, den alten gemeinschaftlichen Brotbackofen, der noch heute von den Bewohnern genutzt wird, und das Haus der Wolle. Hier wird gefärbt, gekämmt und gesponnen, im Handarbeitsladen kann das gekauft werden, was daraus entstand: Jacken, Mützen, Pullover und etliches mehr.
Und weil wir den Rückweg ein ganzes Stück zu Fuß bewältigen wollen, gibt es noch eine Stärkung. Im Grotto Redorta probieren wir Typisches aus der Region: Polenta mit Mortadella und verschiedenen Käsesorten, dazu einen Merlot aus dem Tessin. Dann gehen wir los. Das Tal ist mal enger, mal weiter, der Bergbach gewinnt durch die zahlreichen Wasserfälle immer mehr an Kraft und Masse. Wir kommen vorbei an steilen Felswänden, verlassenen Steinhütten, wir treffen auf schwarze Ziegen, deren Glocken uns schon von weitem begrüßen, und die uns ein ganzes Stück auf dem Wanderweg begleiten.
Der ist gut ausgeschildert, unterwegs besteht immer wieder die Möglichkeit, in eines der stillen Dörfchen abzubiegen. Durch die fährt der Postbus aller ein bis zwei Stunden , er kann müde Wanderer binnen kurzer Zeit wieder ans Ufer am Lago Maggiore in Locarno bringen. Wo man sich am besten auf eine der roten Bänke im Schatten einer Palme oder Magnolie setzt, damit das Eis, das man unbedingt probiert haben muss, nicht wegschmilzt, ehe es aufgegessen ist.