M an kommt überall hinauf! Erst wenn der letzte Eisenzacken, der letzte Fingernagel aus dem Felsen reißt, dann ist's unmöglich." Mut oder Prahlerei? Beim Urheber dieser Zeilen, Hermann Freiherr von Barth, kann man getrost von Ersterem sprechen.
Vor rund 140 Jahren erstürmte der bayerische Bergpionier Hunderte von Gipfeln in den Nördlichen Kalkalpen zwischen Allgäu und Watzmann, viele davon betrat er als Erster. In einer Zeit, in der sich Bergsteiger noch am Seil des Führers auf die Gletscherberge der Schweiz "ziehen" ließen, unternahm von Barth echte "Knochentouren" in den Geröllfeldern und Felsflanken der Nordalpen. Immer ging er allein, ohne Seil, und bezwang mit genagelten Schuhen, Lodenjoppe und Bergstock Gipfel, die noch heute Respekt abverlangen.
Besonders fleißig war Hermann von Barth im Karwendelgebirge. Anno 1870 war Ernst II., Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha, Jagdherr an der bayerisch-tirolerischen Grenze bei Hinterriß. Unter seinem Befehl wurden etliche Bergwege angelegt, um das Revier im Herzen des Karwendels zu erschließen. Wanderer aber wagten sich kaum auf diese Wege. Denn an ihrem Ende warteten dunkle Wände, ohne Hoffnung auf ein Gipfelziel. Hermann von Barth ließ sich davon freilich nicht abschrecken: Allein im Sommer 1870 erstieg er 88 Karwendelgipfel, zwölf davon als Erster.
Wer heute von Hinterriß durch das Johannistal hinaufwandert, entdeckt das Denkmal des Bergsteigers auf einem Steinsockel. Daneben, am Kleinen Ahornboden, hat man die Barthschen Pioniertaten im Visier: die "geschlossenen Wandmauern" des Laliderermassivs, das "geschwungene Horn" der Kaltwasserkarspitze und die noch "gewaltiger erhobene Pyramide" der Birkkarspitze.
Auf langen mehrtägigen Märschen hatte von Barth diese Gipfel erobert. Heute hat man es als Bergsteiger im Karwendel viel leichter. Statt im Heuschober einer Alm unterzuschlüpfen, laden zahlreiche Alpenvereinshütten zum Nachtlager. Das Karwendelhaus liegt eine Stunde vom Kleinen Ahornboden entfernt und ist idealer Ausgangspunkt für zwei Barth-Gipfel, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Der eine, die Birkkarspitze, ist mit 2749 Metern höchster Gipfel des Gebirges, viel bestiegen und gut markiert. Und doch, hat man das letzte Grün hinter sich, taucht man wie anno 1870 in eine bizarre Gebirgswüste ein. Gut 500 Höhenmeter Geröll und Schneefelder warten im lang gestreckten Schlauchkar. Doch wer wie einst Hermann von Barth "das Auge fest auf das nahe Endziel der schwersten Arbeit dieses Tages" heftet, hat bald die Grathöhe erreicht und hat auf dem Weg zum Gipfel nur noch ein paar "riesige, wirr durcheinandergeworfene Steintrümmer" vor sich. Dieses letzte Stück ist heute mit Drahtseilen gesichert, und mit Glück genießt man bald die "ausgedehnteste, reinste Fernsicht". Von den Hohen Tauern bis zur Silvretta rühmte von Barth den Blick vom Gipfel, den er am 6. Juli 1870 um 7 Uhr morgens erreicht hatte. Einer der wenigen Utensilien in seinem Rucksack war eine Kaffeemaschine, und ein ordentlicher Schluck daraus ersetzte wie bei vielen seiner Touren das Frühstück. Für den Bergpionier stand nach dem Aufstieg noch eine Reihe von Nachbargipfeln auf dem Programm. Wenigstens die Ödkarspitzen können erfahrene Bergsteiger heute über den Brendlsteig "mitnehmen".
Anders als die steil aufragende Nordflanke der Birkkarspitze zeigt die Östliche Karwendelspitze auf der anderen Seite des Karwendelhauses ein sanftes sonniges Gesicht. Graspolster und Schrofen mischen sich hier unter den "Weg", der eigentlich keiner ist. Bis heute wurde der Anstieg auf diesen Gipfel nicht markiert, so heißt es auf Pfadspuren und Steinmänner achten - oder auf das Gespür, wie Freiherr von Barth bei seiner Erstbesteigung am 4. Juli 1870.
Oben findet man echte Einsamkeit im "urweltlichen Gebirg". Spezialisten werden die Abstiegsroute durch das Gra-benkar wählen. "Abfahren" muss man hier, über steilen Schotter in Falllinie hinab laufen und die Steine unter dem Schuh wegrollen lassen. Hermann von Barth war einer der Ersten, der diese Technik ausgiebig beschrieb.
Überhaupt schrieb der Nordalpenpionier alles nieder, was er auf seinen Touren erlebte. Weit über tausend Seiten hinterließ er, insbesondere sein Werk "Aus den Nördlichen Kalkalpen" wurde die Grundlage für viele Bergbücher bis zum heutigen Tag.
Das stolze Gefühl einer Erstbesteigung auf einen kühnen Felsengipfel kann heute kaum einer mehr mit einem Hermann von Barth teilen. Auch nicht die Ehre, anschließend vom Herzog zum Dîner geladen zu werden. Denn Ernst von Sachsen-Coburg und Gotha hatte von seinen Oberjägern bald erfahren, wer den Felsriesen über seinem Tal den Nimbus der Unbesteigbarkeit entrissen hatte.
Eine Leidenschaft jedoch werden Menschen immer mit dem Pionier von 1870 teilen können: Die Leidenschaft, einen Berg zu besteigen "zu keinem anderen Zwecke als dem, oben gewesen zu sein"!