Angst. Dicht gedrängt auf dem Rücksitz einer lärmenden Cessna. Wie alt sie ist? Keine Ahnung. Bloß nichts anfassen in diesem Viersitzer, es könnte abfallen. Der Pilot Ray, schätzungsweise 70 Jahre alt, schreit Sehenswürdigkeiten in die Runde. Er muss brüllen, die Maschine macht einen Höllenlärm. Unter uns ist die Startbahn des Örtchens Cantwell, eine Huckelwiese, längst entschwunden. Wie ein Blitz durchfährt es mich: Verdammt, was machen wir in dieser Klapperkiste in einer Höhe, wo Bäume zu Streichhölzern schrumpfen? Und vor allem: Kommen wir jemals wieder lebend herunter?
Doch nirgendwo sonst als von hier oben bekommt man eine Ahnung von den riesigen Weiten der Bergwelt im Denali Nationalpark im Südosten Alaskas. Eine Welt, deren mystisches Zentrum der 6 194 Meter hohe Mount McKinley ist. Schneebedeckt und oft wolkenverhangen stellt der höchste Gipfel Nordamerikas selbst erfahrene Bergsteiger vor lebensgefährliche Herausforderungen. Erst im Mai ist hier ein Hallenser tödlich verunglückt. Selbst Berg-Profis legen Routen mit dem Flugzeug zurück, um im Gebirge überhaupt erst einmal ihren Ausgangspunkt am Fuße des Riesen zu erreichen.
Die meisten Alaska-Touristen reisen in den Sommermonaten über Anchorage an - nicht die Hauptstadt (Juneau), aber die größte City des nördlichsten US-Bundesstaates. Etwa 250 000 Menschen leben in der modernen Metropole zwischen Cook Inlet Fjord und den Chugach Mountains. Zentrum ist die 4th Avenue. In der Touristen-Hauptstraße gibt es Imbissbuden, in denen Rentier-Hotdogs der Renner sind, Hotel- und Geschäftshochhäuser, Läden aller Coleur mit Eskimo-Souvenirs wie etwa Fell-Unterwäsche. Ein Informationsbüro bietet für den Unkundigen alle Auskünfte über Alaska. Denn: In Anchorage starten und enden die meisten Routen, die man individuell mit dem Leihwagen absolvieren kann. Gleich am Flughafen bieten internationale Autovermietungen die passenden Jeeps dafür an.
Direkt von Anchorage aus führt der Glenn Highway schließlich von Horizont zu Horizont, durch Tundra und Taiga, an ehemaligen Goldminen und Ölpipelines vorbei. Staus? Kein Thema. Alaska ist fünfmal größer als Deutschland und mit insgesamt 700 000 Bewohnern nur dünn besiedelt. Ab und an donnern riesige Trucks vorbei. Orte wie Paxon bestehen aus nur einem Haus. Das ist Restaurant, Shop und Tankstelle zugleich. Irgendwie erinnern diese Versorgungsoasen an einen Tante-Emma-Laden. Es gibt einfach alles, vom Motorenöl bis zum Tampon. Wieder draußen, an der Straße, mahnen Schilder zur Sauberkeit. Wer Müll illegal entsorgt, muss mit Strafen von bis zu 5 000 Dollar rechnen. Es liegt nichts herum. Hinweise auf Wander- oder Radwege sehen wir nicht. Dabei gilt es als bärengefährlich, einfach so durch die Gegend zu spazieren - der Grizzly lässt grüßen. Autofahrer werden vor Karibus und Elchen gewarnt. Elchkühe grasen gern mal mit ihrem Nachwuchs direkt am Straßenrand.
Und nahe der Küste des Pazifischen Ozeans tummeln sich Wale. Es ist kein leeres Versprechen der Seeleute im Hafen von Seward. Auf Schiffstouren durch den Golf von Alaska zeigen sich tatsächlich ganze Herden von Buckel-, Killer- und Grauwalen. Sie versprühen Fontänen und tauchen schließlich - wie in einem Naturfilm, nur eben ganz real - wieder ab. In der Weite der Bucht lassen sich die Großsäuger von den Menschen offenbar nicht stören. Es ist auch kein Massentourismus, der die Wale vertreiben könnte. Auf der sechsstündigen Ausfahrt sind nur wenige andere Boote zu sehen.
Alles ist so groß, dass sich auch die Fischer nicht um die besten Plätze streiten müssen. Das Lachsgeschäft boomt. Viele Angler aus Europa verbringen ihren Jahresurlaub hier - schließlich locken Lachse von einem Meter Länge.
Alaska ist sehr sonnig im Juni und Juli. Auf unserer zweiwöchigen Rundreise pegelten die Temperaturen zwischen fünf und 25 Grad Celsius. Prägend: Frühling, Sommer und Herbst konzentrieren sich auf die Monate Mai bis September. Da ist es 24 Stunden hell. Gletscher und schneebedeckte Berge sorgen dafür, dass es selbst dann immer auch ein wenig Winter ist. Später, im echten Winter mit Schneemassen und knackiger Kälte, regiert die Dunkelheit. Dann wird es nur drei Stunden am Tag wirklich hell.
Möglichkeiten zum Übernachten gibt es vom Hotel bis zum Campingplatz reichlich. Die Bewohner leben vom Tourismus. Hier ist der Kunde noch wirklich König. Egal, ob Kellner oder Reinigungskraft - jeder zeigt, dass er auf das stolz ist, was er für dich tun kann. Frag eine Verkäuferin, ob sie dir das belegte, schon eingeschweißte Riesenbaguette in sechs Teile schneidet. Sie wird es tun - und mit einem Lächeln neu verpacken.
Unkompliziert ist es auch, einen Rundflug über die Berge zu buchen. Spontan haben wir mit dem Mietwagen am Denali Highway angehalten. Ein alter Mann steht auf der Leiter. Er pinselt gerade sein Holzhaus an. Auf die Frage, wo man Flüge buchen könne, folgt die Überraschung. Nur noch kurz Hände waschen, ruft er. Es ist jener Ray, der Pilot. Fünf Minuten später drücken wir seiner Frau jeweils 150 Dollar bar in die Hand. Und schon sitzen wir mit dem alten Mann von der Leiter im Flieger. Ohne jede Sicherheitsbelehrung. Immerhin, es gibt Anschnallgurte!
Das schönste Alaska-Erlebnis? Es ist dieser Flug. Die beiden Bergkuppen des Mount McKinley glitzern uns in der Sonne entgegen. Wir fliegen direkt darauf zu, um kurz davor wieder abzudrehen. Ein Bild, das sich einprägt. Vergessen der Lärm der Cessna. Vergessen, dass Ray die Hände ab und zu vom Steuer reißt, um wild gestikulierend seine Heimat zu preisen.
Wir landen sicher auf der Huckelwiese. Überglücklich fallen wir Ray um den Hals. Klar: Er ist unser bester Pilot der Welt!