Als die Spieler des Halleschen FC nach dem Abpfiff am Sonnabend ihre Ehrenrunde durch den Erdgas Sportpark drehten, ernteten die Rot-Weißen Applaus aus unerwarteter Richtung. Stehend zollte der Erfurter Gästeblock dem Sieger Beifall. Kurz zuvor hatten dieselben Fans das eigene rot-weiße Team noch mit Pfiffen in die Umkleidekabine geschickt.
Fanfreundschaft hin oder her, in der dritten Liga hat sich der Hallesche FC nach dem 3:0-Sieg gegen Erfurt augenscheinlich bereits großen Respekt erarbeitet. Sieben Punkte nach drei Spielen, kein Gegentor, Platz vier in der Tabelle - eine Bilanz, die nach mehr klingt als nur Ziel Klassenerhalt. Zwar meinte der zweifache Torschütze Maik Wagefeld später: "Sieben Punkte sind ein optimaler Start." Das Ziel aber seien weiter 45 Punkte und der Klassenerhalt. Doch immer wieder mischen sich in diese defensiven Ansagen auch leise Töne, die vermuten lassen, dass auch im Team längst die Erkenntnis reift, dass dieser HFC vielleicht viel mehr kann, als nur um den Klassenerhalt spielen.
"Nach drei Spieltagen war mein Tipp ja richtig", sagte Verteidiger Jan Benes nach dem Erfurt-Spiel süffisant. Er hatte vor der Saison getippt, dass sich der HFC als Dritter für die Aufstiegs-Relegation zur zweiten Liga qualifizieren würde. Bis zum sonntäglichen Sieg von Osnabrück stand das Team genau dort. Und die Fans quittierten das mit lautstarken Gesängen: "Und wir mischen die dritte Liga auf."
Trainer Sven Köhler versuchte, den Jubel richtig einzuordnen: "Die Euphorie von außen ist ja notwendig. Sie soll uns weitertragen." Nur wohin, das ist die Frage. Laut Präsident Michael Schädlich taugt die dritte Spielklasse nicht für die Ewigkeit, erst ab der zweiten Bundesliga wird Geld verdient. Solche Aussagen gewinnen vor dem Hintergrund des Saisonstarts ganz neue Dimensionen.
Offiziell stapelt der HFC unbeirrt tief. Als habe es den hervorragenden Saisonstart nie gegeben. "Wir haben genug Charaktere in der Mannschaft, die wissen, dass die Ergebnisse nur eine schöne Momentaufnahme sind", sagte Köhler. "Die Fans können ja träumen."
Doch Träume entstehen im Unterbewussten, man hat sie nicht immer unter Kontrolle. Und irgendwo im tiefsten Inneren entwickelt sich beim HFC inzwischen sogar der Glaube, dass vielleicht doch viel mehr drin sein könnte als nur der Kampf gegen den Abstieg. "Die ersten Spiele sollten uns zeigen, was in der dritten Liga möglich ist", erklärte Köhler, "und jetzt haben unsere Spieler gesehen, dass sie in dieser Klasse eine gute Rolle spielen können."
Genau das erlebten 11 360 Zuschauer im Erdgas Sportpark. Dass der HFC nicht nur in der Spitzengruppe der dritten Liga angekommen ist, sondern phasenweise auch wie ein Spitzenteam auftrat. Gegen Erfurt strahlte der Gastgeber von Anfang an Siegeswillen in der Offensive und Sicherheit in der Abwehr aus. Maik Wagefeld belohnte sein Team in der 20. Minute per Elfmeter, nachdem RWE-Torwart Andreas Sponsel Nils Pichinot von den Beinen geholt hatte.
Lediglich zu Beginn der zweiten Hälfte gab die Heimmannschaft kurzzeitig das Heft aus der Hand. Schlussmann Darko Horvat vereitelte nach einem Schuss von Mijo Tunjic die größte Chance der Gäste. Es blieb ein kurzes Aufflackern. Angetrieben vom starken Maik Wagefeld übernahm der HFC wieder die Initiative. Erst verlängerte der Kapitän einen Eckstoß des eingewechselten Anton Müller auf Steven Ruprecht, der aus kurzer Distanz zur 2:0-Vorentscheidung einschob. Kurz darauf folgte das Meisterstück Wagefelds. Nach einem Foul an Toni Lindenhahn verwandelte er einen Freistoß aus 30 Metern zum 3:0-Endstand.
Euphorie ist da. Die offizielle Sprachreglung aber bleibt defensiv. Eine Neuformulierung des Saisonziels, beschwor Torschütze Steven Ruprecht, wäre schlichtweg "größenwahnsinnig".