Wenn die Spieler des Halleschen FC a. Freitagmittag in den Bus in Richtung Karlsruhe steigen, dann sind auch die Karten wieder mit dabei. Bevorzugtes Spiel auf den langen Anfahrten am Vortag einer Drittliga-Partie ist Poker. "Die Jungs zocken gern, sie lieben das Risiko, aber die Einsätze sind überschaubar", sagt ein Insider. "Meistens geht es nur darum, wer die nächste Kiste Cola zahlen muss. Das ist bei ihren kleinen Spielen, die sie am Ende diverser Trainingseinheiten machen, nicht anders."
Dass aber auch die sportliche Leitung gern zockt, ist neu beim Halleschen FC. Nach den Verletzungen von Sören Eismann und Pierre Becken im Saison-Auftaktspiel gegen Kickers Offenbach stehen Trainer Sven Köhler mit Jan Benes und Nico Kanitz nur noch zwei etatmäßige Außenverteidiger zur Verfügung. Und überraschenderweise belässt es der Coach auch dabei für die Partie am Samstag beim Karlsruher SC. "Patrick Mouaya wird in der Innenverteidigung beginnen, Nico Kanitz als linker Außenverteidiger. Jan Benes wechselt wie schon nach der Verletzung von Eismann gegen Offenbach die Seite. Dennis Mast und Anton Müller, die zuletzt nicht zum Kader gehörten, rücken wieder hinein und das war's", sagt Köhler. Bis auf den dritten Torhüter Franco Flückiger stehen damit alle noch verfügbaren HFC-Profis auf dem Spielberichtsbogen.
Kommando zurück!
Zu Wochenbeginn klang das alles noch ganz anders. Da wurde auf geschäftiges Handeln gemacht. Dennis Carl rückte von der U-23-Mannschaft in den Drittliga-Kader und trainierte bereits mit. Selbst Dustin Scheibe und Kevin Zschimmer probten wieder in verschiedenen Einheiten mit den Profis. Zudem wollte sich Manager Ralph Kühne auf Spielersuche für die Position des rechten Außenverteidigers begeben. Schließlich sei ja noch ein Platz im Kader frei, wenn die Mannschaft von schwerwiegenden Verletzungen nicht verschont bleiben sollte. Und plötzlich heißt es: Kommando zurück! Erst einmal abwarten.
"Wir führen Gespräche mit zwei, drei Kandidaten. Aber wir brauchen noch ein, zwei Wochen. Bei der Spielerbeobachtung in den letzten Monaten lag unser Fokus nicht auf dieser Position", sagt Kühne. "Deshalb vertrauen wir in Karlsruhe der Viererkette, die in der letzten Saison in 34 Punktspielen nur 15 Gegentore kassiert hat. Mit dem Unterschied, dass Benes sich letztes Jahr die Saison auf links mit Kanitz geteilt hat, jetzt aber für Eismann auf rechts einspringt. Insofern haben wir da keine Bedenken. Jeder von denen, die jetzt auflaufen, hat ja schließlich den Anspruch, Stammspieler zu werden."
Trainer und Manager begeben sich mit ihrer Entscheidung aber auf sehr dünnes Eis. Doch dass sie bereit sind, dieses Risiko einzugehen, beweist vor allem zwei Dinge: Erstens haben sie volles Vertrauen in die verbliebenen Akteure. Und zweitens sind sie wohl fest davon überzeugt, auch weitere Ausfälle innerhalb der Mannschaft kompensieren zu können. Niemand glaubt offensichtlich daran, dass das Pech, mit einem Schlag einen Stammspieler und dann auch noch seinen Ersatzmann zu verlieren, in so kurzer Zeit noch einmal zuschlagen könnte. Aber daran hat vor dem Spiel gegen Kickers Offenbach auch niemand geglaubt. Die raue Wirklichkeit sah anders aus.
HFC setzt auf Erfahrung
Die jungen Anschlusskader bleiben also in Halle. Das Risiko, im Fall des Falles auf Dennis Carl zu setzen, war Manager und Trainer dann doch wieder zu hoch. "Wir wollen sie über die Saison aufbauen, aber nicht gleich im zweiten Spiel ins kalte Wasser werfen. Dafür sind sie noch nicht weit genug", sagt Kühne. Der 19 Jahre alte Carl zeige sehr gute Ansätze, könne den Sprung auch schaffen. Aber erst, wenn er auch im Defensiv-Verhalten noch konzentrierter zu Werke ginge. "Das Spiel gegen Offenbach hat uns gezeigt, dass solche kleinen individuellen Defizite in der dritten Liga gnadenlos ausgenutzt werden", so Kühne. Also setzt der HFC auf Erfahrung.
Aber wie sehen denn nun die Alternativen aus, wenn Kanitz oder Benes etwas passieren sollte? "Für Benes könnte auch Telmo Teixeira-Rebelo auf der rechten Seite ran", nennt Kühne eine Variante. Ob der Deutsch-Portugiese das gern hören wird, bleibt abzuwarten, schließlich wäre er wegen unzureichender Leistungen auf dieser Position fast schon einmal gefeuert worden. "Denkbar sind auch Verschiebungen zwischen dem defensiven Mittelfeld und der Innenverteidigung. Sowohl Marco Hartmann als auch Maik Wagefeld können Innenverteidiger spielen", erklärt Köhler. Das heißt, sollte Kanitz etwas passieren, müsste Mouaya oder Steven Ruprecht nach außen rücken.
Egal, wie Köhlers Tanz auf der Rasierklinge ausgeht. Kommt er nicht mit leeren Händen zurück, hat er alles richtig gemacht.