Geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid. Also teilte Sören Eismann gern. Als er kurz nach dem Abpfiff des Saisonauftaktspiels gegen Kickers Offenbach sah, wie sich sein HFC-Teamgefährte Pierre Becken auf einem Fuß hüpfend und den anderen in Eis gepackt aus dem Kabinengang in Richtung Spielfeld mühte, lief er auf den Kumpel zu, nahm ihn in die Arme, lächelte und sagte: "Hier, nimm die Krücken. Ich hatte schon eine Stunde Zeit, um rauszubekommen, wie ich mich ohne sie bewegen kann."
So enterten die beiden Verletzten das Spielfeld, das sie zuvor beim 1:0-Sieg des HFC unfreiwillig hatten verlassen müssen. Vereint im Schmerz. Und vereint im Jubel. Marco Hartmann hatte vor 10 070 Zuschauern in der 62. Minute das goldene Tor erzielt und dem Aufsteiger ein Traumdebüt in der dritten Liga verschafft.
Rot gegen Treter Hahn
Das Bild der beiden jubelnden Verletzten brachte das Spiel perfekt auf den Punkt. Zwar hatte der HFC drei Punkte eingefahren, diese aber mit zwei Ausfällen teuer erkauft. Ein Pyrrhussieg, dessen Konsequenzen noch nicht absehbar sind. Trainer Sven Köhler fallen damit nicht nur ein rechter Außen- und ein Innenverteidiger aus. Mit Becken fehlt nun auch eine Alternative zu Eismann auf Rechts. Jan Benes, der gegen Offenbach eine bärenstarke Leistung ablieferte, kann auf beiden Außenpositionen spielen. Für die Innenverteidigung bleiben immerhin noch Patrick Mouaya und Philipp Zeiger als Alternativen übrig.
Doch der Kader ist schon nach einem Spiel knapp. "Da kommst du mit 21 Mann ohne eine Verletzung durch fünf Wochen Vorbereitung und dann erwischt es dich im ersten Spiel knüppeldick", sagte Trainer Köhler.
Die Dramaturgie dieses Saisonauftaktspiels wollte es, dass die Geschichten der beiden Verletzungen die Partie nachhaltig prägten. Sören Eismann war bereits in der 35. Minute vom Offenbacher Andre Hahn so brutal mit gestrecktem Bein gefoult worden, dass es ihm das Knie verdrehte. Rot für den OFC-Profi war die logische Konsequenz - eine richtige Entscheidung von Schiedsrichter Christian Dietz.
In Unterzahl brachten die Hessen kaum mehr Gefährliches in Richtung HFC-Tor zustande. Wie lange Eismann, der sich kurze Zeit später auswechseln ließ, ausfällt, wird sich erst am Montag klären, wenn er das Ergebnis der Magnetresonanztomographie (MRT) erfährt.
Prägend war auch jene Szene in der 84. Minute. Pierre Becken war ohne gegnerische Einwirkung zu Boden gegangen und forderte sofort wild winkend Hilfe ein. "Ich bin umgeknickt, habe es Knacken gehört und hatte sofort das Gefühl, dass der Knochen gebrochen ist", sagte er. Seine Eigen-Diagnose sollte sich später im Krankenhaus tatsächlich bestätigen: Mittelfußbruch, am Montag wird er operiert und muss dann mindestens sechs Wochen pausieren.
Das Spiel aber lief weiter. Und der OFC nutzte die Lücke in der Innenverteidigung der Gastgeber und kam zum Ausgleich. Doch wieder griff der Unparteiische ein. Dieses Mal aber mit einem heftigen Fehlgriff. Er entschied auf Abseits - und das war deutlich sichtbar falsch. Die Offenbacher protestierten zurecht.
Hartmann trifft schon wieder
So blieb es beim letztlich glücklichen Sieg des Halleschen FC. Ein Sieg, der Erinnerungen an die vergangene Saison weckte. Schon da war nämlich Marco Hartmann, eigentlich defensiver Mittelfeldspieler, der beste Torschütze. "Ich bin in diesem Spiel wirklich schwer in die Gänge gekommen. Nach einer halben Stunde lief es besser", sagte Hartmann. Um dann das kuriose Geheimnis seiner Torerfolge preiszugeben: "Es liegt an der weißen Radlerhose von Sören Eismann. Als meine letztes Jahr nach vier, fünf Spielen kaputt gegangen ist, hat er mir seine gegeben. Ich habe damit ein Tor erzielt. Jetzt bestehen alle darauf, dass ich sie immer anziehe."
HFC-Rechtsverteidiger Sören Eismann zog sich beim 1:0-Sieg zum Drittligastart gegen Kickers Offenbach einen Anriss des Innenbandes im rechten Knie zu und muss sieben bis acht Wochen pausieren. Das ergab die MRT-Untersuchung am Montag in Halle. "Ich trage jetzt eine Spezialschiene", sagte Eismann.
"Eine Operation ist nicht notwendig, das Band wächst von allein zusammen. Nachdem ich den Zweikampf jetzt mehrfach im Fernsehen mir angeschaut habe, kann ich mit deiser Diagnose noch ganz gut leben. Da hätte viel Schlimmeres passieren können." Neben Eismann muss der Aufsteiger für zwei bis drei Monate auf Pierre Becken verzichten. Sein Mittelfußbruch wurde gestern im "Bergmannstrost" operiert.
Aufgrund der Defensiv-Ausfälle wird ab morgen Dennis Carl (19) aus dem eigenen U23-Team voll mit der Drittliga-Mannschaft trainieren und möglicherweise auch zum Kader beim nächsten Auswärtsspiel in Karlsruhe (Samstag 14 Uhr) gehören. Manager Ralph Kühne: "Wir werden auf die Situation reagieren, da Sören und Pierre und lange fehlen, ohne in puren Aktionismus zu verfallen."