Ashley Ellis-Milan (links) erzielte die meisten Punkte für den SV und räumte auch unter dem Korb ab. (FOTO: HECK)
Plötzlich war es wie verflucht. Alles, was 30 Minuten lang so wundervoll funktioniert hatte, klappte nicht mehr. Der schöne Vorsprung der Lions von 17 Punkten (54:37) im Hexenkessel von Wasserburg war dahin. 54:53 hieß es nur noch für den SV Halle. Dessen Spielerinnen hatten im letzten Viertel sechs Minuten lang nichts getroffen. Und 700 Fans peitschten die Gastgeber vorwärts. Die Tendenz war klar: Der Favorit und Titelverteidiger würde dieses erste Spiel des Halbfinal-Playoffs um die deutsche Basketball-Meisterschaft drehen und dem kessen Außenseiter doch noch einen Nasenstüber versetzen.
Dass es am Ende doch anders kam und die Lions mit 65:59 (36:29) gewannen, war auch Trainer Martin Dornhoff zu verdanken. Der nahm zwei Auszeiten. Seine Ansage an die Spielerinnen: Zweikampf-Situationen mit Tamara Tatham herbeiführen und den Gegner zu Fouls zwingen. Und tatsächlich: Die Unparteiischen pfiffen die Attacken gegen Tatham. Bis dahin hatten sie meist wohlwollend zugesehen, wenn Halles Kanadierin herumgeschubst worden war. Selbst der TSV Wasserburg ordnete das Duo später auf seiner Homepage als Heim-Schiedsrichter ein: "Teils klare Fouls an Tatham und Ellis-Milan wurden nicht gepfiffen", hieß es da. Doch am Ende, so Martin Dornhoff, "war es zu deutlich und nicht mehr zu übersehen".
Und als die 26-Jährige endlich ihre Chance von der Linie bekam, zeigte sie sich eiskalt. Acht Freiwürfe versenkte sie in den letzten dreieinhalb Minuten, dazu platzierte Julia Kohlmann noch einen Dreier im Korb. Damit war die Aufholjagd der Gastgeberinnen gestoppt und der wunderschöne Wahnsinn geht weiter für die Lions. Halles Basketballerinnen können mit einem zweiten Sieg im Heimspiel am Freitag in der Burghalle den Meister aus dem Titelrennen schießen. Das Finale wäre der größte Erfolg in Halles gesamtdeutscher Basketball-Geschichte.
Soweit aber wollte Martin Dornhoff dann doch nicht vorausschauen. "Erst einmal hat heute eine tolle Mannschaft die besseren Individualisten besiegt. Doch Wasserburg wird alles daransetzen, das Ding zu drehen. Die Klasse dazu hat der TSV", sagte der Coach. Gelänge dies, gäbe es am Sonntag in Wasserburg eine dritte und entscheidende Begegnung. Ähnlich sieht es Geschäftsführer Ralf Gonschorek: "Wir sind noch lange nicht durch. Aber am Freitag wird die Burghalle aus allen Nähten platzen. Mal sehen, wie die TSV-Spielrinnen mit der großartigen Stimmung gegen sie klarkommen."
Halles Damen haben aber am Sonntag vorgemacht, wie eine solche Situation zu meistern ist. "Wir haben drei Viertel lang richtig Dampf gemacht, dann hat sich Wasserburg mit seinen Fans im Rücken in einen Rausch gespielt. Aber zum Glück haben wir die Nerven behalten", sagte Gonschorek. Und zum Glück hatte Dornhoff den richtigen Schachzug parat.
Bei allem Lob für sein Team: Der Trainer war während der Rückfahrt aus Bayern durch strömenden Regen vor allem von Ashley Ellis-Milan angetan. Die Amerikanerin, die nächstes Saison gern wieder für den SV Halle spielen würde, aber dann auch besser verdienen möchte, zeigte am Sonntag ihre beste Leistung als Löwin. "Sie war überragend, hat viel getroffen und stand grandios in der Defensive", sagte Dornhoff. 21 Punkte und 13 Rebounds sind der statistische Beweis. Der Trainer lobte aber auch zwei seiner jungen Damen: "Julia Kohlmann hat lange nichts getroffen, dann aber den wohl entscheiden Dreier gemacht. Und Laura Hebecker hat durchgespielt, eine große Leistung." Die 18-Jährige musste alle Kraftreserven aufbrauchen, weil Nadja Prötzig im ersten Viertel umgeknickt war. "Dadurch hatten wir wenig Wechselmöglichkeiten, das hat viele Kräfte verschlissen", so Dornhoff. Auch deshalb sei es im letzten Viertel richtig eng geworden. Die Chancen, dass Prötzig bis Freitag fit wird, sind nahe Null.