Halles Tamara Tatham (Mitte) war mit 26 Punkten die beste Spielerin. (ARCHIVFOTO: ANDREAS LÖFFLER)
Die böse Überraschung gab es bei der Ankunft am späten Samstagabend in Halle. Tamara Tatham und Daphanie Kennedy kletterten fröhlich aus dem Teambus und luden ihre Sporttaschen in ihren schwarzen VW-Polo um, den sie vor dem Fitnesscenter nahe der Burghalle geparkt hatten. Da bemerkten sie den Zettel am Scheibenwischer samt Drohung. Sie würden hier unberechtigt stehen und im Wiederholungsfall komme der Abschleppdienst, stand da. Dabei wartet das Dienstauto von Halles Basketball-Stars dort täglich, schließlich trainieren die Lions in jenem Center regelmäßig.
Dass die Insassen in der Basketball-Szene inzwischen einen enormen Status gewonnen haben, steht da auf einem anderen Blatt. Sie können am Freitag sogar Geschichte schreiben. Offensichtlich weiß dies ein eifriger Mitarbeiter aber noch nicht. Sicherlich lässt sich das Abschlepp-Problem schnell mit einem Tipp aus der Welt schaffen.
Für ein anderes Problem gibt es keine Lösung. „Unsere Burghalle wird aus allen Nähten platzen. Ich weiß noch nicht, wie wir den Ansturm bewältigen sollen“, sagt Ralf Gonschorek mit Hinblick auf das vierte Playoff-Finalspiel um die Basketball-Meisterschaft der Damen am Freitag um 19 Uhr. Doch zugleich genießt der Geschäftsführer der SV Halle Lions dieses, wie er sagt „Luxusproblem“, das ihm Tatham, Kennedy und Co. bereitet haben.
Am kommenden Freitag kann der SV Halle deutscher Meister werden. Nach dem 74:67-Sieg am Samstag beim BV Wolfenbüttel müssen die Lions nur noch dieses Spiel gewinnen, dann ist ein Coup mit dem Charakter eines Wunders perfekt. „Ich habe zwar gut geschlafen, aber ich glaube immer noch, dass ich träume und warte darauf, dass mich mal jemand zwickt“, sagte Gonschorek am Sonntag.
Auch Martin Dornhoff hatte „tief und fest geschlafen“ und war dann am Sonntag selbst ins Fitnessstudio marschiert, um sich ein wenig in Schwung zu halten. Den 67-jährigen Trainer des Sensations-Teams scheint sowieso nichts aus der Ruhe bringen zu können. Schon am Abend zuvor hatte er nach dem grandiosen Triumph bei den Wildcats zwar ein kleines Glas Sekt genossen, aber dann noch im Teambus ganz nüchtern den Trainingsplan für die Woche ausgegeben. „Wir müssen Konzentration und Spannung hochhalten. Noch müssen wir diese Aufgabe erst meistern und dem Druck standhalten. Aber natürlich haben wir jetzt eine Riesen-Chance“, sagte er.
Und dann lobte er seine großartige Mannschaft, die ihn und die etwa 120 lautstarken Schlachtenbummler in Wolfenbüttel sichtlich beeindruckt hatte. „Es war ein Kampf mit Haken und Ösen und wir haben immer zulegen können, wenn es nötig war.“ Wie etwa „die ganz wichtige“ Daphanie Kennedy, die als es 62:63 stand und Wolfenbüttel 1:52 Minuten vor dem Ende auf eine Wende hoffte, eiskalt ihren vierten von vier Dreiern verwandelte. Oder Anna Heise, die knapp 40 Sekunden vor Schluss zum 70:66 traf. Oder auch Michaela Abelova, die allein im zweiten Viertel acht Punkte erzielt hatte, und dann die letzten Zähler des Spiels seelenruhig von der Freiwurflinie einnetzte. Oder Laura Hebecker, die zwar keinen Punkt machte, sich aber mit Wolfenbüttels Star Tenaya Watson laut Dornhoff „eine wahre Schlacht lieferte“ und sieben Rebounds eroberte. Tatham überragte sowieso alle und führt nun mit 544 Punkten die Liga-Korbjäger-Liste an. „Aber auch Julia Kohlmann und Nadja Prötzig hatten entscheidende Szenen, und Ashley Ellis-Milan hat großartig verteidigt“, sagte Dornhoff.
Die Pauschal-Analyse des Geschehens übernahm Ralf Gonschorek. „Wir waren so scharf auf den Sieg und hatten die pure Gier nach dem Erfolg“, sagte er. Und dies hat bei Wolfenbüttels Wildcats Spuren hinterlassen: „Sie waren nervlich von Beginn an angeschlagen, und ich habe den Eindruck, dass wir körperlich auch fitter sind“, meinte Coach Dornhoff. Um diesen Zustand zu erhalten, schickt er seine Damen Dienstagfrüh noch einmal ins Fitnessstudio. Wetten, dass Tatham und Kennedy ihr Auto dann unbehelligt stehen lassen können?