Basketball: Ein Stoff für Hollywood

22.04.2012 22:27 Uhr | Aktualisiert 22.04.2012 22:38 Uhr
Drucken per Mail
Julia Kohlmann ist am Ball

Auf dem Vormarsch: Julia Kohlmann (rechts) ist nicht zu stoppen. (FOTO: LÖFFLER)

Von Christoph Karpe
Nach zwei Siegen über Wasserburg stehen Halles Basketballerinnen im Finale um die Meisterschaft. Im Rückblick auf die Saison hat der Erfolg einen geradezu sensationellen Anstrich. Denn der Weg der Lions von ganz unten zu einem Titelkandidaten ist eine Geschichte, nach der in Hollywood Drehbücher geschrieben werden.
Halle (Saale)/MZ. 

Ein Rückblick:

Juni 2011: Der neue Trägerverein unter Chefin Cornelia Demuth übernimmt die Führung. Eine Lions-Spielbetriebs-GmbH ist gegründet worden. Weil mit Trainer Peter Kortmann keine Einigung erzielt werden konnte, musste ein neuer Coach her. Jaroslav Zyskowski, der zuvor in der Bundesliga Absteiger BBV Leipzig trainiert hatte, wird vorgestellt. Doch es hapert am Finanziellen. Der Etat wird zwar mit 180 000 Euro angegeben, ist damit einer der dünnsten der Liga. Doch aus der Vorsaison schleppen die Lions noch etwa 30 000 Euro Schulden mit sich herum.

Juli / August 2011: Die Kaderplanung kommt zwar spät in Gang, doch dann gibt es gute Nachrichten: Es gelingt, Tamara Tatham (Kanada) erneut und Alissa Pierce (USA) neu zu verpflichten. Auch Nadja Prötzig unterschreibt und kehrt nach Halle zurück.

September 2011: Am 25. startet die Liga. Und bei der Saisoneröffnung in Chemnitz werden alle Befürchtungen übertroffen. Die Lions kassieren eine 45:68-Pleite gegen Wasserburg. "Da waren sich alle Beobachter einig, dass sie den ersten Absteiger gesehen haben", sagt Abteilungsleiter Martin Dornhoff. Trainer Zyskowski beurlaubt. Der Pole hatte nie einen Plan und das Team gegen sich aufgebracht.

Oktober 2011: Die verzweifelte Suche nach einem neuen Trainer wird abgebrochen. Dornhoff, 67 Jahre alt, lässt sich überreden, einzuspringen. Er verzichtet, um dem Verein zu helfen, auf ein Gehalt und gibt sich mit einer geringen dreistelligen Aufwandsentschädigung zufrieden. Er findet ein Team in Trümmern vor, das untereinander zerstritten ist - und in einem körperlich erschreckenden Zustand. Star Tamara Tatham glaubt nicht, dass Dornhoff, der kaum Englisch spricht, der richtige Coach ist. In der Liga gibt es am dritten Spieltag einen Sieg gegen Donau-Ries, ansonsten setzt es weiter Niederlagen. Und: Der Vertrag mit Regisseurin Alissa Pierce, die mit einer chronischen Verletzung den Vereins hinters Licht geführt hatte und operiert werden muss, wird aufgelöst. Für sie kommt Angela Tisdale (USA). Für Dornhoff ist klar: "Es geht einzig und allein darum, die Klasse zu halten. Das wird schwer genug." Halle ist Tabellenletzter.

November 2011: Erst am achten Spieltag gelingt dem Schlusslicht mit einem 85:69 über die Rhein-Main-Baskets der zweite Saisonsieg. Bekommt die totgesagte Mannschaft doch die Kurve? Leise Hoffnung. Doch die 61:83-Heimniederlage gegen Freiburg (25. November) am zehnten Spieltag, dämpft alle Erwartungen. Die Lions können nicht mithalten.

Dezember 2011: Martin Dornhoff nimmt seine jungen deutschen Spielerinnen ins Gebet, mit denen er 2010 die Nachwuchsmeisterschaft gewonnen hat. Er vermisst den Willen, körperliche Rückstände aufzuholen. Am elften Spieltag gelingt der vierte Sieg. Das 70:58 in Wolfenbüttel lässt aufhorchen. Das Team gewinnt auch alle anderen Spiele des Monats. Die Lions arbeiten sich auf einen Playoff-Platz vor.

Januar 2012: Der nächste Rückschlag: Über die Feiertage hat sich Angela Tisdale, die wirklich starke Regisseurin, aus dem Staub gemacht. Wieder muss die Mannschaft umgebaut werden. Von einem Pleite-Klub aus Griechenland holt Dornhoff die Amerikanerin Daphanie Kennedy. Sein zweiter Glücksgriff in einer Notsituation. Die Lions gewinnen die zwei Spiele des Monats gegen Donau-Ries und Saarlouis.

Februar 2012: Es läuft durchwachsen. Zwei Siegen (gegen Oberhausen und Rothenburg) stehen zwei Pleiten (in Osnabrück und bei den Rhein-Main-Baskets) gegenüber.

März 2012: Der Sieg gegen Chemnitz sichert endgültig die Playoffs, die letzten Pleiten in Freiburg und daheim gegen Wolfenbüttel (54:61), das sich Platz eins der Hauptrunde sichert, tun nicht mehr weh. Die Lions sind Siebter und bekommen es im Viertelfinale mit Rhein-Main, dem Zweiten zu tun. Dornhoff rechnet sich Chancen aus - und auswärts gelingt ein überraschender 91:86-Erfolg.

April 2012: Nach einem zwischenzeitlichen Zwölf-Punkte-Rückstand biegen die Lions in den letzten dreieinhalb Minuten das zweite Duell mit Rhein-Main um: 76:73 . Sie stehen zum zweiten Mal seit der Saison 2008 / 09 im Halbfinale. Dort ist Meister Wasserburg, Dornhoffs Titelfavorit. Der Gegner hat in etwa den dreifachen Etat der Lions. Doch das junge SV-Team wächst über sich hinaus: 65:59 in Bayern und am letzten Freitag 78:72. Halle steht erstmals im Finale und 500 Fans stehen Kopf. Es ist die größte Sensation der halleschen Basketball-Geschichte. Und: "Wer den Meister schlägt, der kann auch den Titel holen", sagt Dornhoff inzwischen. Das Team denkt ebenso. Und mittlerweile sind sogar die 20 000 Euro Zusatzkosten, die die ungeplante Saisonverlängerung verschlingt, drin.