Basketball: Eiskalter Doppeldreier der Lions

07.04.2012 19:29 Uhr | Aktualisiert 09.04.2012 22:46 Uhr
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Nadja Prötzig

Nadja Prötzig (Dritte von rechts) führt den Team-Jubel vor den Fans an. Mit zwei Dreiern in der entscheidenden Phase leitete sie die Wende im Spiel gegen die Rhein-Main Baskets. (FOTO: ANDREAS HEINE)

Von Christoph Karpe
Die Basketballerinnen des SV Halle haben am Samstagabend mit 76:73 vor heimischer Kulisse gegen die Damen der Rhein-Main Baskets gewonnen.
Halle (Saale)/MZ. 

Die Frau hat keine Nerven. "Entweder bist du der Held oder der Verlierer - ich fülle gern beide Rollen aus. Was sollte also passieren? Ich habe nicht weiter nachgedacht, sondern einfach geworfen", sagt Nadja Prötzig als der schiere Wahnsinn ein Happyend hat und der SV Halle nach dem 76:73-Erfolg über die Rhein-Main Baskets im Halbfinale der Basketball-Meisterschaft steht. Ihr Puls bewegt sich da anscheinend unter der 60er-Marke. So wie wenige Minuten zuvor in ihren grandiosen Szenen gegen Ende eines Basketball-Spiels, das 450 Zuschauer in der Burghalle zur Ekstase treibt.

Fünf von 40 Minuten sind in diesem zweiten Viertelfinal-Playoff-Spiel zwischen dem SV Halle und den Rhein-Main Baskets aus Langen noch zu gehen. Spielstand 62:70. Die Gastgeberinnen hängen am Tropf, Rettung aussichtslos. Denn die Defensive stellt den Gästen immer wieder Freifahrtscheine aus. Im Angriff zittern die Hände, einfachste Bälle fallen nicht in den Korb oder werden hergeschenkt. Dazu erweisen sich die Schiedsrichter keineswegs als Lions-Freunde. Frust, Ernüchterung, Verzweiflung, Wut - die Stimmung auf den Rängen besteht nur noch aus diesem üblen Mix. "Ich habe auch nicht mehr damit gerechnet, dass wir zurückkommen", sagt Kapitän Michaela Abelova später.

Dann, wie aus dem Nichts, versenkt ausgerechnet Prötzig, die bis dahin nur selten positiv aufgefallen ist, einen Dreier. Sie ballt die Fäuste jubelnd Richtung Fans. Dieses vehemente Zeichen des Glaubens an ein Wunder erfasst plötzlich die Gemeinschaft, und Prötzig schwingt sich zum Guru auf. Eine Minute später: gleiche Position Linksaußen, gleicher Wurf, gleiches Resultat: Dreier. 68:70. Gleich danach versenkt Tamara Tatham zwei Freiwürfe zum Ausgleich und legt zwei Punkte nach. 72:70, die erste SV-Führung, seit dem 7:6 in der vierten Minute. Die Dramatik bedroht Herzschwache als die Gäste das 72:73 machen. Dann jedoch fasst sich Daphanie Kennedy 26,7 Sekunden vor der Sirene ein Herz: der nächste Dreier. Rhein-Main vergeigt den Gegenangriff, Tatham wird gefoult, trifft nur einen Freiwurf. Egal: 76:73. Ende. Das Halbfinale ist geschafft. Der Rest ist Jubel. Dass die Titelkampf-Zusatzschichten nebst Platzierungsspielen nun 20 000 Euro extra kosten, registrieren nur die Geldgeber. Aber sie haben sich längst darauf verständigt, die nicht eingeplanten Kosten zu stemmen.

"Wir können es wohl nicht ohne Drama", sagt dann Michaela Abelova, als sich der Kreis hüpfender und kreischender Damen aufgelöst hat, mit einem Grinsen. Prötzig eilt derweil von Interview zu Interview. "Wir waren schon verzweifelt", gesteht sie und erzählt von Rotations-Problemen in der Defensive von mangelnder Kommunikation und dass man sich vor dieser wundersamen Wende eines beinahe verlorenen Spiels (39:52 / 24. Minute), "den Arsch wundgerannt" habe und die Gäste trotzdem getroffen hätten.

Martin Dornhoff steht derweil am Rand. Die Anspannung ist gewichen, und als dann seine Frau zu ihm geeilt ist, um "meinem Sieger" ein Küsschen auf die Lippen zu drücken, lacht er befreit. "Wir waren zwei Mal tot", sagt der Trainer zum Spiel, "umso schöner, dass wir das noch umgebogen haben." Angesprochen auf Prötzigs Dreierdoppel meint er: "Das hat uns schon geholfen." Da klingt er bereits wieder analytisch. Und die Fortsetzung, die Aufarbeitung des Spiels, wird keineswegs fröhlich für seine Mannschaft: "Jetzt dürfen sie feiern, aber bei der Auswertung werde ich sie rund machen. Vor allem in Halbzeit eins wurde sich einfach nicht an Absprachen gehalten." Deshalb der ständige Rückstand, deshalb die Lücken in der Abwehr, deshalb ein schwaches Spiel, das nur das Happyend kaschiert.

Und Disziplinlosigkeit können sich die Lions nicht leisten, soll der Weg auch ins Finale führen. Als Hürde davor steht Wasserburg, der Meister, der Sechste der Vorrunde, der Freiburg eliminiert hat. Prötzig hat wie Tatham einst beim TSV gespielt. Doch Emotionen begleiten sie nicht in die Duelle. "Von der Mannschaft kenne ich nur noch zwei Spielerinnen. Das Umfeld war schön", sagt sie. Und was ist gegen den Favoriten möglich? "Uns ist alles zuzutrauen, hat man doch gesehen", sagt Nadja Prötzig.

Die Best-of-three-Serie des Halbfinals beginnt am nächsten Sonntag um 16 Uhr in der Badria-Halle in Wasserburg.