Die SV Halle Lions bezwingen Titelverteidiger TSV Wasserburg mit 78:72 und jubeln nach dem Einzug ins Finale. (FOTO: ANDREAS LÖFFLER )
59,7 Sekunden zeigten die roten Lämpchen der Spieluhr an, die Burghalle tobte und auf der Ersatzbank schluchzte Nadja Prötzig herzzerreißend. Das ganze Großartige, was die Verletzte von ihrem Lions-Team gesehen hatte, überwältigte sie. "Ich wusste da, dass wir gewinnen, dann kam es einfach über mich", sagte sie später. 72:66 führte da der SV Halle gegen den TSV Wasserburg und wenig später war auch das zweite Spiel des Playoff-Halbfinales gegen den Meister tatsächlich gewonnen: 78:72. Die Lions greifen nach dem deutschen Basketball-Titel. Und nach dem Schlusspfiff am Freitag trieb es auch manchem der 500 Fans Freudentränen in die Augen.
"Unglaublich, dass wir das erreicht haben", sagte Trainer Martin Dornhoff, der strahlend inmitten der Menge stand, während Kapitän Michaela Abelova auf einer Pauke den Jubeltakt für ihr euphorisches Team vorgab. Auch sie nutzte dieses Lieblings-Wort des Abends: "Unglaublich, ich kann es nicht fassen. Mein erstes Finale in Deutschland", sagte die Slowakin im Kreis ihres Fanklubs vom Ex-Verein aus Göttingen. Und Inken Henningsen, die für Prötzig einspringen und durchs Feuer musste, schloss sich an: "Unglaublich, dass ich dabei sein durfte."
Bei der größten Sensation im Frauen-Basketball seit der Wiedervereinigung, wie es dann auch Dornhoff nannte. "Man muss sich mal vorstellen, in unserem Zwölfer-Team spielen sieben Mädchen, die sind 20 Jahre und Jünger. Die brauchen wegen ihres Alters noch eine Sondergenehmigung, um überhaupt in der Bundesliga auflaufen zu dürfen", sagte der Trainer. Im Vergleich dazu leistet sich Wasserburg, das erstmals seit zehn Jahren nicht die Endspiel-Serie erreichte, gestandene, teure Ausländer. Der Finaleinzug des SV Halle ist also zugleich ein Triumph über das bisherige System des Geldes. Team schlägt Individualisten, das ist das Geheimnis. "Wir motivieren uns untereinander, reden viel, glauben an uns. Das macht uns stark", so Abelova.
Da konnte am Freitag auch ein früher 7:15-Rückstand schnell ausgeglichen werden. Die überragenden Tamara Tatham (29 Punkte) und Daphanie Kennedy kurbelten das Spiel an. Ein Dreier von Laura Hebecker fiel zum Viertel-Endstand von 22:16. Danach dominierte Halle das Duell. Ein Dreier von Abelova: 42:32, Halbzeit. 14 Zähler (52:38 / 27.) betrug der größte Vorsprung. Und als es eng zu werden drohte, versenkte auch Kennedy einen Drei-Punkte-Wurf zum 68:60. "Mein Bruder hat das zu Hause im Internet gesehen - und er wird auch zusehen, wie wir uns den Titel holen", sagt das US-Girl. Und irgendwie glauben alle an den unglaublich scheinenden Coup. "Wer den Meister schlägt, für den ist der große Wurf möglich", so Dornhoff.
Der Finalgegner wird noch gesucht. Marburg glich durch den 74:65-Sieg am Freitag über Wolfenbüttel in der Serie zum 1:1 aus.