Die Hallenserin Tamara Tatham (l.) steigt in dieser Szene des Entscheidungsspiels vom Sonntag gegen Wolfenbüttels Ieva Kulite zum Korbwurf hoch.
Der Zufall wollte es. Martin Dornhoff hatte gerade seinen Interview-Termin im Fernsehstudio von TV Halle beendet, da blieb am Montag noch etwas Zeit, um in der MZ-Sportredaktion vorbeizuschauen. Ganz spontan. Hier wurde der Trainer der SV Halle Lions, die am Sonntag so denkbar knapp und dramatisch das letzte Meisterschaftsfinale bei den Wolfenbüttel Wildcats 67:69 verloren hatten, mit unten stehender Statistik konfrontiert. Und mit der Frage: "Ist wirklich die beste deutsche Frauen-Basketball-Mannschaft Meister geworden?"
Der Coach scheut sich nicht vor der Antwort. "Es ist die Mannschaft Meister geworden, die individuell ausgeglichener besetzt war und die die bessere Bank hatte", sagt der 67-Jährige. Kurzum: Meister ist vielleicht nicht die beste, aber auf jeden Fall die bestbesetzte Mannschaft. Er zählt auf: "Wolfenbüttel hatte fünf starke Ausländerinnen, allen voran Natasha Harris, drei deutsche Nationalspielerinnen und eine ehemalige deutsche Auswahlspielerin. Gleich zehn Frauen der Wildcats sind Profis - eine richtig teure Mannschaft." Und die, glaubt Dornhoff, kostete mehr als das Doppelte des SV-Teams.
Halle dagegen konnte mit nur vier Ausländerinnen aufwarten - besser: sich leisten. Dazu standen im Zwölfer-Kader sieben Mädchen von 20 Jahren und jünger, darunter drei U-20-Nationalspielerinnen: Laura Hebecker, Julia Kohlmann und Anna Heise.
Dann geht es ins Detail der Spiele - und was die Statistik zeigt, ist Martin Dornhoff natürlich längst bewusst: Die Defizite seiner Lions. "Natürlich war unser Spiel sehr Tatham-lastig. Dadurch waren wir ausrechenbarer. Aber sie ist nun mal die kompletteste Spielerin der Liga." Die Kanadierin war über die gesamte Saison hinweg die beste Schützin der Bundesliga, erzielte in 28 Spielen 588 Punkte. Und auch in der Finalserie hatte sie klar die Nase vorn.
"Aber", so Dornhoff, der nun die Trainer-Geschäfte an Patrick Bär übergibt, "die Hauptkomponente bei uns waren die jungen deutschen Spielerinnen. Waren sie stark, waren wir erfolgreich. Aber ausgerechnet in der Finalserie stach dieser Trumpf nicht." Vielleicht war der mentale Druck ein Grund? "Auf alle Fälle im vierten Spiel, als wir daheim die Chance zum Titel hatten. Da habe ich schon morgens beim Einwerfen gemerkt: Die Mädchen sind über die Maßen nervös." Mit 71:76 ging das Duell verloren.
Eine Schwäche der Lions sticht ins Auge: die Rebounds. Gleich 31 Mal mehr eroberten die Wolfenbüttelerinnen abprallende Bälle nach Fehlversuchen. "Das war ein richtiges Manko. Unterm Korb, bei den Rebounds, haben wir den Titel verloren", sagt Dornhoff. Er verweist darauf, dass in den Reihen der Wildcats vier Spielerinnen über 1,87 Meter messen - bei seinen Lions nur Anna Heise und Ashley Ellis-Milan, die sich am Freitag die Schulter ausgekugelt hatte.
Und dennoch, auch wenn der Titel eine Sensation gewesen wäre: "Wir hatten unsere Chance durch tollen Teamgeist und großen Willen. Am Ende waren es Kleinigkeiten - und etwas Glück", sagt Dornhoff. Zugleich empfiehlt er seinem Nachfolger Bär und dem Management: "Das Team sollte weitgehend zusammenbleiben und durch zwei erfahrene deutsche Spielerinnen - darunter eine große Centerin - ergänzt werden."
Er glaubt aber: "So nah kommt der SV Halle dem Titel so schnell nicht wieder." Im nächsten Jahr solle das Erreichen der Playoffs als Saisonziel ausgegeben werden.